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In den letzten Wochen und Monaten haben wir uns mit Matthäus 18 beschäftigt, wo uns gezeigt wurde, dass Gläubige wie Kinder sind. Deshalb ist der aktive und entschlossene Umgang mit Sünde in der Gemeinde überaus wichtig, auch wenn diese ja eigentlich eine Gemeinschaft von erlösten Menschen ist. Wir sahen uns an, welche Anweisungen der Herr seinen Jünger gibt, sowohl in Bezug auf die Züchtigung derer, die sündigen, als auch in Bezug auf die Vergebung und Abwendung von der Sünde. Das Thema der Züchtigung beinhaltete auch die Zurechtweisung und Verurteilung der Sünde. Wir haben verstanden, dass wir uns als Diener der Heiligkeit betrachten müssen, solche, die den in Sünde gefallenen Christen aufsuchen und ihn zum Gehorsam zurückführen. Wir haben in den letzten Wochen den Bereich der Züchtigung klar umrissen, ebenso den Bereich der Vergebung. Beide werden in Matthäus 18 wunderbar dargestellt. Aber es gibt noch einen anderen Bereich, auf den Matthäus 18 nicht eingeht. Und das ist der Dienst der Wiederherstellung.

Was macht man, wenn jemand sündigt? Man diszipliniert ihn. Was macht man, wenn er Buße tut und sich von dieser Sünde abwendet? Man vergibt ihm voll und ganz. Und was kommt dann, nachdem man ihm vergeben hat? Man stellt ihn wieder her. Das heißt, dass man ihn wieder dorthin zurückbringt, wo er vor seinem Fall war. Deshalb ist der Dienst der Wiederherstellung das letzte, aber auch entscheidende Glied im gesamten Prozess.

In diesem Sinne bleiben wir heute zwar am Thema von Matthäus 18, gehen aber zu Galater 5 und 6. Der Herr selbst baut seine Gemeinde, und ihm liegt die Reinheit sehr am Herzen. Deshalb ist es auch für uns — seine Gemeinde — wichtig, mit der Sünde umzugehen. Der Apostel Paulus spricht davon, dass die Gemeinde als eine keusche Jungfrau mit Christus vermählt werden soll. Deshalb schreibt er den Ephesern, wie wichtig es ist, keinen Umgang zu haben mit denen die beteiligt sind an den Werken der Finsternis. Den Korinthern sagt er, dass sie denjenigen aus ihrer Gemeinde ausschließen sollen, der sündigt. Der Umgang mit Sünde in der Familie Gottes hat sehr hohe Priorität, weil nach 1. Korinther 5,6 ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert. Die Reinheit der Gemeinde ist Gott ein großes Anliegen. Deshalb gehen wir mit Sünde um, indem wir züchtigen, vergeben und wiederherstellen.

Mit dem im Hinterkopf gehen wir nun zu Galater 5,26. Eigentlich gehört dieser Vers bereits zu Kapitel 6. Ich lese bis Kapitel 6,6. „Lasst uns nicht nach leerem Ruhm streben, einander nicht herausfordern noch einander beneiden! Brüder, wenn auch ein Mensch von einer Übertretung übereilt würde, so helft ihr, die ihr geistlich seid, einem solchen im Geist der Sanftmut wieder zurecht; und gib dabei acht auf dich selbst, dass du nicht versucht wirst! Einer trage des anderen Lasten, und so sollt ihr das Gesetz des Christus erfüllen! Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, da er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst. Jeder aber prüfe sein eigenes Werk, und dann wird er für sich selbst den Ruhm haben und nicht für einen anderen; denn jeder Einzelne wird seine eigene Bürde zu tragen haben. Wer im Wort unterrichtet wird, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allen Gütern!“ In diesem Text geht es um Züchtigung und Vergebung, aber das Hauptthema ist die Wiederherstellung eines in Sünde gefallenen Gläubigen. Es ist so wichtig, dass neben der Züchtigung Vergebung auch vollständige Wiederherstellung geschieht. Mit dieser Absicht auf dem Herzen schrieb Paulus in 2. Korinther 2,11: „Wenn ihr das nicht tut, werdet ihr vom Satan übervorteilt.“ Es ist eine offene Einladung an Satan, in die Gemeinde hineinzukommen und sie zu zerstören.

Der Galaterbrief nun gibt uns Antwort auf die Frage: Was macht man mit einem in Sünde gefallenen Christen, der auf die Züchtigung reagierte und seine Sünden bereute, dem vergeben wurde und der wieder in die Gemeinschaft aufgenommen wurde? Wie bringt man ihn zu der geistlichen Stärke zurück, die er hatte, bevor er fiel? Die Antwort darauf findet sich in diesem Abschnitt. Dies ist der Dienst der Wiederherstellung.

Um den Kontext zu verstehen, möchte ich noch ein wenig Hintergrundwissen vermitteln. Galatien war ein ganz besonderer Ort im Leben des Apostels Paulus. Auf jeder seiner drei Missionsreisen gelang es ihm, dorthin zu kommen. Das erste Mal, um Gemeinden zu gründen und die folgenden Male, um ihre Leitung zu bestätigen und sie zu stärken und aufzuerbauen. Es war also ein Ort, an dem Paulus besonders aktiv war. Galatien ist keine Stadt, sondern eine Region, die viele Städte umfasst. Unter ihnen sind Lystra, Derbe, Ikonium, Antiochia, Epicedia. An all diesen verschiedenen Orten verkündete Paulus das Evangelium von Jesus Christus, und es entstanden Gemeinden. Als er die Gemeinden wieder aufsuchte, bekräftigte er das Evangelium der Gnade und lehrte sie, wie sie in dieser Gnade leben und sich an der Kraft des Geistes Gottes erfreuen konnten. Es ging den Gemeinden sehr gut, und sie haben einen wunderbaren Start hingelegt.

Dann erschienen die Judaisten auf der Bildfläche. Dies waren Juden, die zwar weder das Christentum, noch Jesus Christus, noch das Evangelium ablehnten. Aber sie behaupteten, dass das Evangelium unvollständig sei. Man müsse ein paar Sachen hinzufügen, nämlich die Beschneidung und das Befolgen des mosaischen Gesetzes. Sie warfen den galatischen Christen vor: „Ihr seid keine echten Christen und seid nicht wirklich im Reich Gottes, weil ihr Heiden seid, die unbeschnitten sind und nicht nach dem Gesetz Moses leben.“ Dadurch zwangen sie ihnen die jüdischen Gesetze auf, und das brachte ihnen den Namen Judaisten ein. Im Grunde genommen lehrten sie drei Dinge, die in diesem Brief deutlich werden: Erstens lehrten sie, dass Paulus kein legitimer, autorisierter Apostel sei. Das mussten sie tun, weil sie wussten, dass sie seine Lehre am besten diskreditieren konnten, indem sie ihn selbst in Verruf brachten. Wenn sie aufzeigen könnten, dass er eigentlich gar kein Apostel sei, dann könnten sie im Anschluss daran seine Lehre diskreditieren. Also griffen sie sein Apostelamt an. Deshalb schrieb Paulus Galater 1 und 2, um sein Apostelamt zu verteidigen.

Zweitens behaupteten sie, die Erlösung geschehe zuerst durch die Beschneidung und erst dann durch den Glauben. Der Glaube allein reiche nicht aus, sondern man müsse sich auch dieser kleinen Operation unterziehen. Um diesem Argument zu widersprechen, schrieb Paulus die Kapitel 3 und 4. Darin zeigte Paulus auf, dass die Erlösung allein durch Gnade durch den Glauben geschieht, unabhängig von der Beschneidung. Und drittens lehrten die Judaisten, dass das christliche Leben die vollständige Einhaltung des mosaischen Gesetzes erfordere. Um diesem Irrtum zu widersprechen, schrieb Paulus schließlich die Kapitel 5 und 6.

Nun, offensichtlich hatten die Judaisten großen Einfluss. Das kann man ohne Zweifel an Paulus’ feuriger Schreibweise erkennen. Da gibt es keine netten kleinen Höflichkeiten. Dies ist der einzige Brief, in dem er niemanden für irgendetwas lobt. Auch gibt es keine nennenswerten persönlichen Anmerkungen. Er schießt einfach los. Dass er um den Einfluss der Judaisten Bescheid weiß, wird besonders in Galater 3,1 deutlich: „O ihr unverständigen Galater, wer hat euch verzaubert?“ Oder in Vers 3: „Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen und wollt es nun im Fleisch vollenden?“ Zweimal nennt er die Empfänger des Briefes „unverständig“. Jemand hatte sie verzaubert; das hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf sie gehabt. Sie befanden sich irgendwo zwischen Freiheit und Gesetzlichkeit und waren in einen Streit zwischen Gesetz und Gnade verwickelt.

In Kapitel 6 hatten diese unverständigen Galater daher schon ziemlich viel von Paulus zu hören bekommen. In den Kapiteln 1 und 2 war ihnen noch mal ganz deutlich gesagt worden, dass er tatsächlich ein Apostel Gottes war. Und in den Kapiteln 3 und 4 hatten sie gehört, dass die Erlösung allein aus Gnade durch den Glauben geschieht und durch nichts anderes. In Kapitel 5 ging es schließlich darum, dass das christliche Leben ein Leben in Freiheit ist und nicht in Gesetzlichkeit. Darum könnte es sein, dass zu diesem Zeitpunkt schon ein bisschen Licht in ihr Dunkel gekommen war und der Nebel sich ein wenig gelichtet hatte.

Aber Paulus war ein überaus kluges Werkzeug, das der Geist Gottes benutzte. So war er sich sehr wohl bewusst, dass es in dieser galatischen Gemeinde aufgrund seines eigenen Dienstes und dem der Judaisten zu einer Spaltung kommen würde. Es würde diejenigen geben, die geistlich reif waren und im Geist wandelten. Doch ebenso würde es die Gesetzlichen geben, die aus der Kraft ihres Fleisches versuchen würden, all die Dinge zu tun, die sie laut der mosaischen Ordnung tun sollten. Und so sah er die Gefahr, dass die Gemeinden in Galatien auseinanderbrechen könnten. Ein Kampf würde kommen, Spaltung, Zwietracht und Trennung würden geschehen und er wusste, dass er sich damit auseinandersetzen musste.

Und das tat er auch, indem er ihnen im Grunde genommen sagte: „Ihr, die ihr geistlich seid, die ihr auf dem richtigen Weg seid und die ihr in der Kraft des Geistes wandelt, ihr habt die Verantwortung, diejenigen aufzufangen, die das nicht sind.“ Und er legte einen Grundsatz für das Leben in der Gemeinde Gottes fest. Dieser gilt, bis Jesus kommt, also auch für uns, und er lautet: Die Starken sollen sich um die Schwachen kümmern. Die Geistlichen sollen sich um die Fleischlichen kümmern. Diejenigen, die stehen, helfen denen, die gefallen sind, wieder auf. Die Gemeinde war nie als ein Ort gedacht, wo man hingeht, um zuzuschauen. Es ist kein Kommen und Gehen, um sich dann für die religiöse Pflichterfüllung auf die eigene Schulter zu klopfen. Davon ist Gott nicht begeistert. Sondern die Gemeinde ist ein Ort, an dem man sich gegenseitig dient. Die geistlichen Galater, die wirklich an die Gnadenlehre des Paulus glaubten, hätten leicht verstehen können, dass sie durch die Gnade frei waren. Sie waren frei. Nicht frei, um Unrecht zu tun, sondern zum ersten Mal frei, Gutes zu tun — gestärkt und befähigt durch den Heiligen Geist. Heute können auch wir diesen wunderbaren Brief lesen, das verstehen und werden dadurch gestärkt. Die Galater sollten begreifen, dass sie in Christus frei waren. Es gab einige unter ihnen, die wirklich geistlich waren, wie Kapitel 5,16 es aufzeigt. Und ihre Tendenz war, dass sie als „die wirklich Geistlichen“ die Anderen verurteilend anschauten. Aber stattdessen bedeutet im Geist zu wandeln, dass sie die Frucht des Geistes zeigen sollten.

Diese Tendenz gibt es auch heute noch. Manchmal sind Geschwister geistlich, reif, und haben vielleicht von guter Lehre profitiert, von guten Vorbildern und einem guten geistlichen Erbe. Sie waren gehorsam und gingen mit dem Herrn. Und nun gelangen sie an einen Punkt, an dem sie auf alle anderen herabblicken, die geistlich nicht auf ihrem Niveau sind. Und anstatt das als Chance zu sehen, ihnen dienen zu können, sind sie geistlich stolz, selbstgefällig und klopfen sich für ihre eigene Geistlichkeit auf die Schulter. Eine solche Haltung spürt Paulus bei den Galatern. Gleichzeitig kann es auch geschehen, dass die Schwachen, die die stolpern und fallen, auf die Geistlichen schauen und sie beneiden. Aus Neid erwächst Bitterkeit und Eifersucht, und schon entsteht eine Kluft mitten in der Gemeinde. Deshalb weiß Paulus, dass diese beiden Gruppen zusammenfinden müssen. Er will nicht, dass die Geistlichen über die Nicht-Geistlichen oder Fleischlichen herrschen. Er will nicht, dass die Starken die Schwachen ausnutzen oder verachten. Und er will nicht, dass die Schwachen den Starken grollen.

Er möchte eine Spaltung zwischen Geistlichen und Fleischlichen vermeiden, und deshalb nimmt er ein solches Szenario in diesem Abschnitt des Galaterbriefes vorweg. In Kapitel 5 hatte er gerade gesagt, dass, wenn sie im Geist lebten, was sie als Christen taten, dass sie dann auch im Geist wandeln sollten. Denn wenn ihr Leben tatsächlich im Geist war, dann sollte das durch ihren Wandel im Geist praktisch ausgelebt werden. Und dann sagt er in Vers 26: „Lasst uns nicht nach leerem Ruhm streben“, griechisch kenodoxos. Das bedeutet, dass man glaubt, die eigene Selbstüberschätzung sei begründet und man habe somit ein Recht auf Ehre oder Ruhm. Was Paulus hier eigentlich sagt, ist: „Werdet nicht überheblich. Lasst uns nicht nach Ehre oder Ruhm streben.“ Der Feind versucht immer, dich in diese problematische Haltung hineinzudrängen. Denn wenn du in deinem geistlichen Wachstum einen bestimmten Grad an geistlicher Reife erreicht hast, fängst du an, dich selbst als jemanden zu sehen, der besondere Ehre verdient. Dann schaust du auf diejenigen herab, die noch nicht ganz so reif sind wie du, und betrachtest sie mit Verachtung. Dadurch entsteht eine Kluft zwischen den Geistlichen und den Nicht-Geistlichen, den Starken und den Schwachen. Und anstatt dass die einen den anderen helfen, ergötzt sich der eine an der Schwachheit des anderen. Das meint Paulus, wenn er sagt: „Fordert einander nicht heraus.“ Sie provozieren oder reizen sich gegenseitig. Und am Ende von Vers 26 steht das Gegenteil davon, nämlich, dass die Schwachen die anderen, die geistlicher zu sein scheinen, nicht beneiden.

Diese Trennung zwischen Starken und Schwachen möchte Paulus nicht nur in den Gemeinden in Galatien verhindern, sondern es ist ihm ein allgemeines Anliegen. Dafür gibt es keinen Raum. Das liegt ihm nicht nur hier im Galaterbrief am Herzen, sondern auch in Römer 14 und 15. In Römer 14 gibt es einen tollen Abschnitt darüber, dass die Starken die Schwachen nicht verärgern oder zum Straucheln bringen sollen. Sondern im Gegenteil: Sie sollen diese schwachen Gläubigen auferbauen. Das fasst Paulus dann in Römer 15,1-3 wunderbar zusammen, wo er schreibt: „Wir aber, die Starken, haben die Pflicht, die Gebrechen der Schwachen zu tragen und nicht Gefallen an uns selbst zu haben. Denn jeder von uns soll seinem Nächsten gefallen zum Guten, zur Erbauung. Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen“. Mit Christus stellt er ein unvergleichliches Vorbild auf. Christus herrschte nicht über uns, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte. Sondern er ließ sich herab, die Schwächen der Schwachen zu tragen. Und eins ist klar, wenn es jemals einen Gegensatz zwischen Starken und Schwachen gegeben hat, dann zwischen Jesus Christus und uns.

Mit Christus als Vorbild sollte unsere Einstellung sein, dass wir die Schwächen der Schwachen tragen wollen. Wir wollen die Gläubigen finden, die schwächer sind und sehr mit dem Fleisch zu kämpfen haben. Und wir wollen nicht eitel auf sie herabblicken und sie provozieren, sondern ihnen dienen. Wir wollen ihre Schwächen tragen und so verhindern, dass sie neidisch zu uns aufschauen und eifersüchtig und verbittert werden.

Auch in 1. Thessalonicher 5,14 gibt Paulus denselben Rat an die Gemeinde in Thessalonich: „Wir ermahnen euch aber, Brüder: Verwarnt die Unordentlichen, tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig gegen jedermann.“ Egal, ob du es mit Unordentlichen, Kleinmütigen oder Schwachen zu tun hast, musst du geduldig sein, ihnen aber zugleich nachgehen und dich um sie kümmern. Die Schwachen zu unterstützen ist der Schlüssel zur Einheit der Gemeinde. Anstatt dass wir als geistlich reifere Gläubige stolz auf die Sünder herabblicken, die gefallen sind, müssen wir ihnen helfen.

Ich erhielt diese Woche einen 18 oder 20 Seiten langen Brief. Das ist in meiner ganzen Zeit als Pastor noch nie vorgekommen. Darin berichtete eine Frau ausführlich von ihrer geistlichen Reise. Sie war Mutter von mehreren Kindern und sehr aktiv in einer Gemeinde im Mittleren Westen. Ziemlich am Ende schrieb sie, dass sie eines Morgens ins Badezimmer gegangen sei und eine Rasierklinge herausholte. Mit dieser wollte sie sich das Gesicht zerschneiden, weil sie sich sagte: „Ich bin unwürdig. Ich bin nutzlos. Ich bin bedeutungslos.“ Und das, obwohl diese Frau gläubig war und ihr ganzes Leben in der Gemeinde verbracht hatte. In ihrem Brief erklärte sie mir, wie sie an diesen Punkt gekommen war. Sie schrieb: „Die Leute in der Gemeinde waren überzeugt, dass ich nicht den Standards entsprach, die sie aufgestellt hatten. Deshalb wies der Pastor alle in der Gemeinde an, dass sie mich meiden sollten. Und so mieden sie mich. Jedes Mal, wenn ich einen von ihnen sah, drehten sie mir den Rücken zu. Niemand sprach mit mir, weil ich ja gemieden werden sollte. Und so beschloss ich, dass ich nichts wert war, wenn ich nicht einmal würdig genug war, von den Menschen Gottes umsorgt zu werden. Darum würde ich mir einfach das Gesicht aufschlitzen und mir dann das Leben nehmen.“

Dann fuhr sie fort: „Ich konnte es jedoch nicht tun, weil meine Gedanken immer wieder zu meinen Kindern wanderten. Ich dachte daran, wie viele Fragen sie würden beantworten müssen über das, was ihre Mutter getan hatte. Und so hielt mich die Sorge um meine Kinder davon ab, es zu tun.“ Dann erzählte sie, dass sie am Radio die Sender gewechselt habe und auf unsere Radiosendung gestoßen sei. Und mitten in dem Horror, nach den strengen Regeln dieser Gemeinde leben zu müssen, brachten wir gerade eine Serie über Gesetz und Gnade. So sagte sie schlussendlich: „Gott sei Dank bin ich jetzt frei!“ und erzählte weiter, was der Herr in ihrem Leben zu tun begann. Der Brief war so bewegend, dass wir sie anriefen und ihr jede erdenkliche persönliche Hilfe anboten.

Es ist wirklich schrecklich, dass eine Gemeinde glaubt, den Willen Gottes zu tun, indem sie eine Person meidet, die ihren Maßstäben nicht entspricht. Eines der Probleme war übrigens, dass sie Hosen trug. Und das endete damit, dass sie sich das Gesicht zerschneiden wollte. Das ist das genaue Gegenteil von dem, wie sich die Gemeinde ihren Mitgliedern gegenüber verhalten sollte. Sie soll sich der Schwachen annehmen, sie unterstützen und ihre Lasten tragen. Ja, wir sind als Gemeinde aufgerufen, zu züchtigen. Ja, wir sind als Gemeinde aufgerufen, zu vergeben. Aber wir sind auch aufgerufen, wiederherzustellen.

Wie kann man das also jemanden wiederherstellen? Dazu schauen wir uns noch einmal Galater 6 an. In diesem Text nennt Paulus drei Dinge. Erstens: Hilf ihm auf! Das sehen wir in Vers 1: „Brüder, wenn auch ein Mensch von einer Übertretung übereilt würde, so helft ihr, die ihr geistlich seid, einem solchen im Geist der Sanftmut wieder zurecht; und gib dabei acht auf dich selbst, dass du nicht auch versucht wirst.“ Der Begriff „Brüder“ zeigt, dass Paulus hier über die Familie spricht. So kümmert sich die Gemeinde um sich selbst. „Wenn auch ein Mensch von einer Übertretung ereilt würde“ – das griechische Wort für unserer deutsches Wort „Übertretung“ hier ist das Wort paraptōma. Es bedeutet Stolpern, Fehler, Fall. Manche nehmen an, das sei noch keine richtige Sünde. Doch das denke ich nicht, sondern es ist Sünde. Vielleicht mag jemand einwenden: „Warum wählte Paulus dann nicht das Wort hamartia, Sünde? Oder das Wort anomia, Übertretung? Warum verwendet er hier das Wort „Fall“?“ Nun, das hat vermutlich nichts mit Theologie zu tun, sondern eher mit seinem literarischen Ansatz. Er hatte sie in Kapitel 5,16 und 25 aufgefordert, im Geist zu wandeln. Und was kann passieren, während du wandelst? Du stolperst, du fällst. Paulus gibt uns hier keine theologische Definition von Sünde, als wäre „ein Stolpern“ weniger ernst zu nehmen. Sondern er bleibt einfach bei seiner Metapher.

Und so sagt er: „Wenn jemand von einem Stolpern übereilt wird.“ Auch das Wort „übereilt werden“ wird gerne falsch verstanden. Ich denke nicht, dass Paulus hier jemanden vor Augen hat, der herumläuft, von einer Sünde übereilt wird, völlig überrascht wird und sagt: „Oh, diese Sünde hat mich überrascht.“ Ich denke eher, dass hier gemeint ist, dass ein Gläubiger unterwegs ist und jemanden überrascht, der in eine Sünde gefallen ist. Verstehst du den Unterschied? Es ist nicht so, dass die Sünde ihn überrascht, sondern dass du die Person überraschst, die in die Sünde gefallen ist. Das Wort „überraschen“ ist ein interessantes Wort, prolambanō bedeutet „unvorbereitet erwischen“. Ich denke nicht, dass die Sünde dich überraschen kann. Denn wenn du im Geist wandelst, bist du in der Lage, Sünde zu erkennen. So etwas wie unfreiwillige Sünde gibt es nicht. Ich möchte nicht dogmatisch sein, aber ich denke die beste Auslegung des Textes wäre, dass es sich darauf bezieht, einen anderen Christen dabei zu erwischen, wie er sündigt. Du überraschst jemanden, der sündigt, und dieser Jemand wird nun im Vers beschrieben. Und dann stellst du einen solchen Menschen wieder her.

Du könntest dich nicht an der Wiederherstellung beteiligen, wenn du ihn nicht in seiner Sünde überrascht hättest. Doch du hast es gesehen und weißt, dass er in Sünde gefallen ist. Und damit ist die Situation gegeben. Auf jemanden zu stoßen, der in Sünde gefallen ist, bedeutet nicht, dass du durchs Leben gehst und jedem auf die Pelle rückst. Du gehörst nicht zur geistlichen SS und mischst dich in die Angelegenheiten aller Menschen auf der ganzen Welt ein. Sondern wenn du im Geist wandelst, stößt du, der du geistlich bist, auf jemanden, der in eine Sünde verstrickt ist. Das ist für mich die bevorzugte Auslegung. 

Es ist nicht unbedingt falsch zu sagen, dass es sich um jemanden handelt, der von einer Sünde überrascht und überwältigt wird, aber ich ziehe die von mir vorgeschlagene Auslegung vor. Beachte, dass weiter unten im Vers steht: „Ihr, die ihr geistlich seid.“ Das ist sehr wichtig. Wer sind diese geistlichen Menschen? Wir gebrauchen diese Begriffe und sagen jemand sei geistlich oder fleischlich. Aber was bedeutet es, geistlich zu sein? 1. Korinther 2,15 gibt eine kurze Erklärung, was es heißt, geistlich zu sein. „Der geistliche Mensch dagegen beurteilt zwar alles, er selbst jedoch wird von niemand beurteilt; denn »wer hat den Sinn des Herrn erkannt, dass er ihn belehre?« Wir aber haben den Sinn des Christus.“ Geistlich zu sein, wie es in Vers 15 steht, bedeutet dasselbe wie in Vers 16, wo es heißt „den Sinn des Christus“ zu haben. Derjenige, der geistlich ist, hat den Sinn Christi.

Epheser 5,18 drückt es noch einmal anders aus. Dort heißt es: „werdet voll Geistes“, gefolgt von einer ganzen Liste was dann geschieht: „redet zueinander, … singt, … sagt allezeit Dank, … usw.“. Oder Kolosser 3,16: „Lasst das Wort des Christus reichlich in euch wohnen“, dann folgt wieder eine Liste mit Dingen die geschehen werden. Daraus schließen wir, dass vom Geist erfüllt zu sein dasselbe ist, wie das Wort Christi reichlich in sich wohnen zu lassen. Und schließlich ist geistlich zu sein und mit dem Geist erfüllt zu sein dasselbe, wie den Geist Christi zu haben. Wenn du den Geist Christi hast, wirst du vom Heiligen Geist geleitet. Du kennst das Wort Gottes und lebst danach, weil dir der Heilige Geist die Kraft gibt, gehorsam zu sein, wenn du immer mehr vom Wort Gottes verstehst. Du hast die Gesinnung Christi. Ein geistlicher Mensch ist also jemand, der im Gehorsam gegenüber Gottes Willen wandelt, der ihm durch das Wort Gottes offenbart wurde, und der vom Geist Gottes mit Kraft erfüllt ist.

In unserem Text in Galater 6,1 geht es um zwei solcher Menschen, die im Geist wandeln. Sollte einer der beiden fleischlichen Taten verfallen, dann hat der, der noch im Geist wandelt, die Verantwortung, den anderen wieder aufzurichten. Die Starken kümmern sich darum, die Schwächen der Schwachen zu tragen. Dieses Grundkonzept ist eigentlich nicht schwer zu verstehen, sondern im Gegenteil sogar ziemlich offensichtlich. Und auch den Korinthern macht Paulus das gleich zu Beginn in 1. Korinther 3 klar. Dort bezeichnet er sie als fleischlich und unternimmt im ganzen Brief jede mögliche Anstrengung, um sie wieder aufzurichten. Er gibt ihnen Anweisungen, die beinhalten, dass sie den Geist Christi haben sollen. Er vermittelt ihnen die Realität des Geistes Christi und ruft sie dazu auf, im Geist zu leben.

Aber nun kehren wir zurück zu Galater 6. Dort sehen wir, dass derjenige, der geistlich ist, im Gehorsam lebt, vom Heiligen Geist erfüllt ist, die Gesinnung Christi kennt und darauf reagiert, dazu berufen ist, demjenigen wieder zurechtzuhelfen, der in Sünde gefallen ist. Das Wort „zurechthelfen“ ist ein sehr gebräuchliches Wort im Neuen Testament, katartizō. Es bedeutet einfach, etwas zu reparieren, um es wieder in seinen früheren Zustand zu versetzen. Es wird verwendet, um zwei streitende Parteien zu versöhnen. Es wird verwendet, um gebrochene Knochen zu richten. Es wird verwendet, um ein ausgerenktes Glied wieder an seinen richtigen Platz zu bringen, oder um zerrissene Netze zu flicken. Es ist ein sehr gängiges Wort dafür, etwas zusammenzufügen, oder es wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. Und genau dazu sind wir aufgerufen.

Bei jemandem, der in Sünde fällt, bleiben wir nicht dabeistehen, ihn zu ermahnen, zurechtzuweisen und zu züchtigen. Sondern wenn er umkehrt, vergeben wir ihm von Herzen und bringen ihn wieder in die Gemeinschaft. Dann fangen wir an, ihn wieder aufzubauen, damit er wieder mit dem Heiligen Geist leben kann, so wie vor der Sünde. Es geht also um einen geistlichen Wiederherstellungsprozess, und ich bin fest davon überzeugt, dass die Gemeinde sich daran beteiligen muss. Wenn wir unsere Leben miteinander verschmelzen wollen, dann gehört das dazu! Es reicht nicht, einfach nur zu kommen und zu gehen. Es reicht nicht, nur Zuschauer zu sein. Sondern wir sind alle Teil eines geistlichen Wiederaufbauprozesses, in dem die Starken den Schwachen helfen. Außerdem ist das Ganze ist nicht unbedingt nur eine Einbahnstrasse. Wir alle befinden uns auf einem langen Weg des geistlichen Wachstums. Deshalb sind wir alle an manchen Stellen schwach und brauchen in bestimmten Bereichen jemanden, der stärker ist als wir, damit er uns stärkt. Darum sollte jeder von uns in diese zwischenmenschlichen Beziehungen eingebunden sein, die den Schwachen Kraft geben.

Wenn du also jemanden siehst, der in Sünde lebt, sagt Vers 1, dass du ihn aufrichten musst. Und das bedeutet, dass es notwendig ist, ihn zu disziplinieren. Du sprichst ihn auf seine Sünde an. Wenn er nicht auf dich hört, gehst du den Prozess weiter und nimmst ein oder zwei Zeugen mit, damit es durch ihre Aussagen bestätigt werden kann. Und wenn er dann immer noch nicht hört, erzählst du es der ganzen Gemeinde, und die ganze Gemeinde geht in Liebe auf ihn zu. Wenn die Person nicht auf die Gemeinde hört, wird sie ausgeschlossen und wie ein Zöllner behandelt, wie ein Fremder, bis sie Buße tut. Und wenn sie dann Buße tut, empfängt sie vollständige Vergebung, die sie wieder in die Gemeinschaft aufnimmt. Aber damit ist es nicht getan. Sondern dann beginnt ein umfassender Wiederaufbauprozess, um diese Person wieder dorthin zu bringen, wo sie vorher war.

In Vers 1 sehen wir die Einstellung der Person, die zurechthilft: Es geschieht „im Geist der Sanftmut.“ In Demut. Und ich bin fest davon überzeugt, dass Jesus Christus hierfür das Vorbild ist, so, wie Paulus in 2. Korinther 10,1 sagt: „Ich selbst aber, Paulus, ermahne euch angesichts der Sanftmut und Freundlichkeit des Christus“. Christus kam in diese Welt und sah die gottlosen, elenden, niederträchtigen, ungehorsamen, unwissenden Sünder an. Dann wartete er und wartet noch immer still und geduldig darauf, dass wir an den Ort zurückkehren, an dem er uns haben möchte. Er möchte uns an den Ort zurückbringen, an dem wir vor dem Fall waren. Das ist unser Vorbild und darum tun wir dies im Geist der Sanftmut. Nur, dass sich unsere Sanftmut in gewisser Weise von der Sanftmut Christi unterscheidet, denn es heißt in Galater 6,1: „und gib dabei acht auf dich selbst, dass du nicht auch versucht wirst.“ Das heißt, dass du und ich uns sehr bewusst sein sollten, dass wir uns durchaus in derselben Lage befinden könnten. Christus war vollkommen und stand nicht in dieser Gefahr, aber wir tun es. Und wenn du dich für geistlich hältst und ziemlich weit fortgeschritten auf deiner Pilgerreise zur Vollkommenheit, solltest du aufpassen, dass du nicht auf andere herabschaust. Vielmehr solltest du dich in Demut zu ihnen hinunterbeugen, um ihnen zu helfen, denn das ist es, was Sanftmut bedeutet: zu erkennen, dass du in derselben Situation sein könntest, weil auch du davon nicht ausgenommen bist. Tatsächlich wird es dich früher oder später auch treffen, weil die Sünde in dir wohnt.

Das lässt keinen Raum für geistlichen Stolz oder Eitelkeit. Wenn wir bedenken, dass wir selber auch fallen können, muss uns das demütig machen. In 1. Korinther 10 gibt Paulus dazu ein wunderbares Beispiel anhand von Israel, dem Volk Gottes, das aus Ägypten auszog. In Vers 1 beschreibt er, wie sie unter der Wolke und durch das Meer zogen und in der Wüste umherwanderten, immer geführt von der Schechina, der Herrlichkeit Gottes, bis sie schließlich in das verheißene Land kamen. Und doch heißt es in Vers 8: Trotz all der Segnungen Gottes „trieben etliche von ihnen Unzucht und es fielen an einem Tag 23.000“.

Das waren Menschen mit großen Privilegien, die trotz dieser Privilegien gesündigt hatten. Vers 11 sagt dazu: „All diese Dinge aber, die jenen widerfuhren, sind Vorbilder, und sie wurden zur Warnung für uns aufgeschrieben, auf die das Ende der Weltzeiten gekommen ist. Darum, wer meint, er stehe, der sehe zu, dass er nicht falle. Es hat euch bisher nur menschliche Versuchung betroffen.“ Und dann spricht er weiter über den Weg der Rettung. Paulus betont, dass du nie so weit kommen darfst, anzunehmen, du seist unbesiegbar. Es muss in deiner Persönlichkeit eine ganz grundlegende Sanftmut geben, eine Herzenshaltung, die sagt, wenn du jemanden sündigen siehst: „Ich werde nicht arrogant und überheblich sein und mich über diese Person erheben. Sondern ich werde Gott einfach nur danken, dass mein eigenes Leben nicht so sehr von Sünde geprägt ist.“

Also, richte diese andere Person auf. Sei bereit, dich zu bücken, um jemanden aufzuheben, in dem Wissen, dass du genauso gut derjenige sein könntest, der aufgehoben und aufgerichtet werden muss. Und früher oder später wird das auch dir passieren. Auch wenn deine Sünde vielleicht nicht dieselbe ist, wie die des anderen, wird es doch Sünde geben, von der auch du befreit werden musst.

Zweitens: Nach dem Aufheben sollst du ihn hochhalten. Das sagen die Verse 2-5. Es ist eine wunderschöne Passage. „Einer trage des anderen Lasten, und so sollt ihr das Gesetz des Christus erfüllen.“ Das Wort „tragen“ bedeutet „tragen, oder hochhalten“. Was auch immer das für eine Last ist, du hältst sie für ihn hoch. Jetzt fragst du dich vielleicht, was damit gemeint ist, einander die Lasten zu tragen. Und der Gedanke dahinter ist wieder dieselbe Metapher des Wandeln. Dieser Mann geht die Straße entlang und fällt hin. Was brachte ihn zu Fall? Nun, er hatte etwas zu tragen, da ihm zu schwer war, und es hat ihn erdrückt, und er fiel hin. Du kannst dir das vorstellen wie eine lange Wanderung unter einer schweren Last. Und plötzlich wird die Last so schwer dass der Mann hinfällt. Du hebst ihn auf und anschließend musst du dich mit unter diese Last begeben, um ihm zu helfen, sie zu tragen. Was ist nun diese Last? Geistlich gesehen ist es jede Schwäche in dieser Person, die sie dazu verleiten könnte, in Sünde zu fallen. Welche Lücke es auch in seinem Leben gibt, welchen Brückenkopf Satan auch immer finden kann, welche Schwäche seiner Persönlichkeit oder seines Charakters es auch immer sein mag, was auch immer seine Achillesferse ist, genau dort musst du dich unter die Last begeben und sie tragen, weil er sie nicht selbst tragen kann. So oft sündigt jemand, bereut, empfängt Vergebung, wird wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, und dann kümmert sich niemand darum, mit ihm diese Last zu tragen. Und er trägt dieselbe Last der Versuchung in denselben schwierigen Umständen wie zuvor, und fällt einfach wieder.

Einmal kam ein junger Mann zu mir. Er war total fertig und stammelte mit Tränen in den Augen: „Ich habe mein Leben Christus gegeben. Doch bevor ich gerettet wurde, war ich homosexuell. Und nun habe ich schlimme Probleme. Ich stolpere immer wieder in Beziehungen hinein. Ich tue Buße und wende mich davon ab und bitte Gott, mir zu vergeben. Doch dann tue ich es wieder.“ Die ganze Angelegenheit war einfach schrecklich und zerstörerisch und ich wusste nicht wirklich, wie ich ihm helfen sollte. Also sagte ich ganz spontan: „Okay, folgendes möchte ich von dir. Jedes Mal, wenn du in den nächsten zwei Wochen eine homosexuelle Beziehung hast“ – und Homosexuelle können häufig wechselnde Beziehungen haben – „jedes Mal, wenn du in dieser Hinsicht unchristliche Gedanken hegst, und Homosexualität praktizierst möchte ich, dass du es aufschreibst und mir erklärst. Und wenn wir uns dann in zwei Wochen treffen, gehen wir gemeinsam diese Liste durch.“

Er war ziemlich verblüfft über diese Aufgabe, willigte aber ein, es so zu machen. Zwei Wochen später kam er zurück und hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Er kam zur Tür herein und kaum hatte er Hallo gesagt, meinte er: „Ich hatte nichts aufzuschreiben, weil ich nichts gemacht habe.“ Ich fragte: „Wirklich?“ Und er sagte: „Ja, und das ist das erste Mal, dass es zwei Wochen ohne waren.“ Ich fragte ihn: „Was war der Unterschied?“. Und er meinte: „Ich wollte dir nichts davon erzählen müssen.“

Eine Möglichkeit, seine Last zu tragen, kann also sein, ihn zur Verantwortung zu ziehen. Es gibt aber noch viele weitere Möglichkeiten, die Last von jemandem zu tragen. Ich habe schon unzählige Leute ermutigt, jemanden anzurufen, und diese Person zu bitten die Last gemeinsam zu tragen, d. h. wenn sie in Versuchung geraten oder in einem bestimmten Bereich ein Problem haben. Im Grunde genommen geht es darum, jemandem nahe zu sein und ihn zur Verantwortung zu ziehen. So sehe ich das. Wiederherstellung ist mehr, als nur zu jemandem zu sagen: „Geh hin, wärme und sättige dich“. Es reicht nicht aus, ihn wieder in die Gemeinde reinzulassen und zu glauben, dass damit alles in Ordnung sei. Denn dann kämpft die Person immer noch mit derselben Last, weil niemand da ist, der mit ihr diese Last trägt, bis sie schließlich im geistlichen Prozess des Gehorsams leichter wird.

Du solltest auch nicht wie so viele andere einfach nur Psalm 55,23 zitieren, wo es heißt: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, und er wird für dich sorgen“. Oder 1. Petrus 5,7: „Alle eure Sorge werft auf ihn.“ Denn der Herr will durch dich und mich erreichen, dass die Lasten leichter werden, indem wir uns gegenseitig die Lasten tragen. Beachte, dass am Ende von Vers 2 steht, dass wir damit das Gesetz Christi erfüllen. Sicher kennst du das Gesetz des Alten Testaments, aber kennst du auch das Gesetz Christi? In Johannes 13,34-35 sagt Christus: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt“. Was ist also das Gesetz Christi? Es ist das Gesetz der Liebe. Und Liebe hilft auf und hält aufrecht. Jakobus nennt es das königliche Gesetz. An anderer Stelle wird es das vollkommene Gesetz der Freiheit genannt. Das ist unsere Verantwortung! Unser Dienst aneinander ist, die Last des Anderen zu tragen. Doch genau das tun die meisten Christen nicht. Ich frage mich selbst, und ich frage dich: Wem hilfst du zurzeit, die Last der Versuchung und Schwäche zu tragen? Gibt es da irgendjemanden? Hilfst du jemandem im Prozess der Wiederherstellung? Es fällt uns so leicht, uns nicht einzumischen. Vielleicht denkst du „Ich möchte mich damit nicht beschäftigen, damit ich damit nicht infiziert werden.“ Oder „Ich bin ja so geistlich. Ich möchte einfach rein bleiben.“

Wenn du so denkst, ist Vers 3 für dich: „Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, da er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst.“ Im Grunde ist dieser Vers ein toller Vers über Anthropologie. Was steht da, wenn man alle Ergänzungen rausstreicht? Was ist der Mensch? Nichts. Wenn der Beste von uns der größte Sünder ist, was sind dann wir? Wir sind nichts. Ich möchte damit nicht das Bild Gottes in uns leugnen. Ich sage nur, dass es völlig falsch ist, uns selbst zu verherrlichen oder uns selbst für etwas Besseres zu halten. Es gibt nichts, das wir schützen müssten, weil wir nichts sind. Und doch haben wir eine solche falsche Sicht über uns, dass wir es nicht übers Herz bringen, die Last der Schwachen zu tragen. Dabei sind wir alles, was wir sind, nur durch die Gnade Gottes. Aus diesem Grund gehen wir auf solche Menschen zu, anstatt sie zu meiden. Und wenn sie ehrlich danach streben, das Richtige zu tun, wenn sie Buße tun wollen und Hilfe suchen, nehmen wir sie hoffentlich nicht einfach nur wieder auf. Sondern wir nehmen sie auf, nehmen ihnen ihre Last ab und tragen sie gemeinsam mit ihnen. Und wenn du glaubst, du seist zu gut für so etwas, dann irrst du dich gewaltig.

Weißt du, warum du so denkst? Weil dein Vergleichsmaßstab falsch ist. Immer wenn ich denke, ich sei besser als jemand anderes, liegt das daran, dass ich mich vergleiche. Und ich werde immer Menschen finden, die schlechter sind als ich. Ich muss mich nur mit einem Betrunkenen vergleichen, der in der Gosse liegt, um mich großartig zu fühlen. Aber das darf ich nicht tun. In 2. Korinther 11 schreibt Paulus, dass wir standhaft bleiben und uns nicht vergleichen sollen. Doch wenn wir uns vergleichen, sollte Christus unser Maßstab sein. Wie es in 1. Johannes 2,6 heißt: „Wer sagt, dass er ihn ihm bleibt, der ist verpflichtet, auch selbst so zu wandeln, wie jener gewandelt ist.“ Christus ist also der Maßstab. Wie schneidest du ab, wenn du dich mit ihm vergleichst? Miserabel! Um dich vor Selbstbetrug zu täuschen, musst du dich mit Christus vergleichen. Deshalb sagt Paulus: „Richte ihn auf. Halte ihn hoch, und wenn du denkst, dass du zu gut dafür bist, dann täuschst du dich.“

Und dann fügt er in Vers 4 und 5 noch eine Kleinigkeit hinzu, die uns ziemlich herausfordert. „Jeder aber prüfe sein eigenes Werk“. Ist es nicht so: Jeder kann behaupten, dass er für den Herrn arbeitet, oder dass er geistlich ist. Aber du musst es auch beweisen können. Paulus sagt: „Dann wird er Grund zur Freude haben, oder zum Rühmen“. Damit meint er, dass du eines Tages ganz allein vor Gott stehen wirst und deine Behauptung beweisen musst, geistlich zu sein. Ich gehe davon aus, dass die Verse 4 und 5 vom Bema-Gericht handeln, dem Preisgericht. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Gläubigen belohnt werden, wie es in Offenbarung 22,12 heißt: „Und siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, um einem jeden so zu vergelten, wie sein Werk sein wird.“ Wir alle werden uns einer Prüfung stellen müssen. 2. Korinther 5,10 drückt es so aus: „Wir alle müssen vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, damit jeder das empfängt, was er durch den Leib gewirkt hat, es sei gut oder böse.“ Und in 1. Korinther 3,12 heißt es, dass unsere Werke Holz, Heu, Stroh, oder Gold, Silber und Edelsteine sind. Und was wird mit dem Holz, Heu und Stroh geschehen? Es wird verbrannt werden. Und ich denke, genau darum geht es in den Versen 4 und 5. Jeder von uns wird seine eigene Arbeit unter Beweis stellen müssen und sich allein über sich selbst freuen können, nicht über einen anderen. Es wird also einen Tag geben, an dem du geprüft wirst. Und Vers 5 sagt, dass an diesem Tag jeder seine eigene Last tragen wird. Also solltest du dich besser jetzt mit unter die Last eines anderen stellen. Sonst wirst du eines Tages deine eigene Last tragen, weil du nicht jemand anderem gehofen hast dessen Last zu tragen. Und du wirst deine Belohnung verlieren.

Übrigens benutzt Paulus hier zwei unterschiedliche Wörter für Last. Die Last in Vers 2 ist ein sehr starkes Wort: baros. Es bedeutet eine unglaublich schwere Last. Und das Wort in Vers 5, phortion, bedeutet einen kleinen Rucksack. Das ist ermutigend. Die Sünde ist eine kaum zu ertragende schwere Last, wohingegen der Verlust deiner Belohnung nur ein kleiner Rucksack ist.

Nun möchte ich aber nicht, dass du denkst, dass du eines Tages vor Jesus Christus stehen musst und von dieser Last erdrückt wirst. Es ist nur eine kleine Last, aber trotzdem ist es eine. Denn wenn du jetzt nicht bereit bist, dich unter die schwere Last eines anderen zu begeben, um ihm beim Tragen zu helfen, dann wirst du eines Tages deinen kleinen Rucksack voller Misserfolge tragen müssen, wenn du deine Geistlichkeit beweisen willst.

Drittens und letztens: Baue ihn auf! Wir sollen also den anderen aufheben, aufrichten und auferbauen. Schließlich heißt es in Vers 6: „Wer im Wort unterrichtet wird, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allen Gütern!“ Du wurdest also zum Lehrer dieser Person, die du wieder aufrichtest. Und sie wurde dein Schüler. Manche Leute benutzen diesen Vers, um zu sagen, dass ein Prediger, der predigt oder lehrt, bezahlt werden soll. Sie verstehen den Begriff „Güter“, agathos, als Geld. Und somit sollte derjenige, der in der Bibel unterrichtet wird, den bezahlen, der ihn unterrichtet. Nun, ich möchte an dieser Stelle nicht darüber diskutieren. Die Aussage an sich stimmt zwar, aber ich würde zur Untermauerung dieser Tatsache lieber 1. Korinther 9 heranziehen und nicht diesen Text. Ich denke, dass es in diesem Vers nicht darum geht. Warum sollte man hier einen Vers über die Bezahlung eines Lehrers einfügen? Das Wort „Güter, gute Dinge“, agathos, wird in der ganzen Schrift niemals im Zusammenhang mit Geld verwendet. Deshalb wäre es sehr willkürlich es an dieser Stelle so zu verwenden. Es gibt zwei Worte für „gut“ oder „gute Dinge“, nämlich kalōs und agathos. Kalõs beschreibt einen Gegenstand oder eine Handlung als gut oder schön. Agathos betont das moralisch Gute, sowie das Nützliche, Tugendhafte und geistlich Vortreffliche.

Zum Beispiel geht es in Römer 10,15 um die Verkündigung der guten Dinge. Dort haben wir denselben Begriff. Dieser kommt auch im Hebräerbrief zweimal vor, einmal in Kapitel 9,11, und in Kapitel 10,1. Und auch hier geht es wieder um die guten Dinge des Reiches Gottes und um geistliche Vollkommenheit. Die beste Übersetzung von Vers 6 wäre also, dass derjenige, der in der Lehre unterwiesen wird, mit demjenigen, der lehrt, alle geistlichen Süßigkeiten teilen soll. Das ist die wörtliche Übersetzung und es ist ein schöner Gedanke. Denn während du als Lehrer diese Person wieder aufrichtest, teilt ihr euch gegenseitig alle geistlichen Süßigkeiten in einem andauernden, gegenseitigen, interaktiven Erbauungsprozess. Du baust auf. Er baut auf. Du baust auf. Er baut auf. Auf diese Weise läuft der Prozess der Wiederherstellung eines Lebens ab, wenn jemand in Sünde gefallen ist.

Was lernen wir nun als all dem? Du musst ihn aufheben und hochhalten und gibst ihm Kraft in seiner Schwäche. Und dann baust du ihn wieder auf und stellst ihn wieder her, weil du nicht dein ganzes Leben lang mit unter dieser Last stehen willst. Und ebenso wenig möchtest du, dass er darunter leidet. Und dann teilt ihr alle geistlichen Süßigkeiten miteinander, die Kraft bringen. Zu ebendiesem Dienst im Prozess der Wiederherstellung ruft Paulus auf, wenn er sagt: „Einer trage der anderen Lasten, und so sollt ihr das Gesetz des Christus erfüllen!“ Damit meint er das Gesetz der Liebe.

Vater, wir danken dir, dass du uns gezeigt hast, dass wir wie Kinder sind, die einander sehr brauchen. Wir müssen wie Kinder umsorgt, beschützt und erzogen werden. Uns muss wie Kindern vergeben werden. Wir müssen aufgefangen, aufgerichtet und auferbaut werden. Vater, wir wollen nicht nur Hörer des Wortes sein und uns selbst damit täuschen, sondern wir wollen auch Täter des Wortes sein. Gib uns den Dienst der Wiederherstellung und lehre uns, wie wir ihn ausführen können. Zeig uns, wie wir die Schwachheit der Menschen um uns herum erkennen und sie auferbauen können. Hilf uns, wenn wir jemandem begegnen, der gefallen ist, ihn vollständig wiederherzustellen. Und hilf uns, wenn wir selber fallen, dass wir jemanden suchen, der uns ebenfalls wiederherstellen kann. Hilf uns, dass die Geistlichen nicht auf die Gefallenen herabblicken. Und bitte hilf, dass die Gefallenen die Geistlichen nicht beneiden und es zu Spaltungen kommt, sondern dass beide Seite an Seite gehen können und die Starken die Schwachen tragen. Zu deiner Ehre. Wir beten im Namen Christi. Amen.

 

ENDE

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