Letztes Mal haben wir damit begonnen, uns das Gleichnis in Lukas 20,9-16 anzuschauen. Wir konnten wieder einmal feststellen, dass unser Herr Jesus sich Gleichnisse ausdachte, die sowohl verblüffen als auch schockieren und an Deutlichkeit und Kraft nicht zu überbieten sind. Die Elemente, die er dafür verwendete, waren überwiegend einfach und vertraut. Trotzdem waren diese Gleichnisse auch tiefgründig und mitreißend. Sie beunruhigten die Zuhörer und überführten sie durch eine überzeugende Analyse ihres Zustandes.
In den Evangelien finden sich etwa 40 Gleichnisse unseres Herrn. Sie beinhalten so viel bedeutendes biblisches Material. Wenn der Herr es mir erlaubt, ist eines meiner Ziele im Leben, sie alle in einem Buch zusammenzufassen mit dem Titel: Die großartige Lehre unseres Herrn Jesus durch Gleichnisse. Wir werden sehen, ob das jemals geschieht.
Aber unter all den Gleichnissen unseres Herrn sticht dieses eine Gleichnis besonders hervor. Es ist eine überaus bemerkenswerte Geschichte von weitreichender Bedeutung. Ich lese euch das Gleichnis noch einmal vor, beginnend mit Lukas 20,9. Es ist ein prophetisches Gleichnis. Die Überschrift könnte folgendermaßen lauten: „Der Mord an Gottes Sohn“. Der Mord an Gottes Sohn.
Beginnend in Lukas 20 ab Vers 9 heißt es: „Er fing aber an, dem Volk dieses Gleichnis zu sagen: Ein gewisser Mensch pflanzte einen Weinberg und verpachtete ihn an Weingärtner und hielt sich längere Zeit außer Landes auf. Und als es Zeit zur Ernte war, sandte er einen Knecht zu den Weingärtnern, damit sie ihm seinen Anteil von der Frucht des Weinbergs gäben. Die Weingärtner aber schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Und er fuhr fort und sandte einen anderen Knecht. Sie aber schlugen auch diesen und beschimpften ihn und jagten ihn mit leeren Händen davon. Und er fuhr fort und sandte einen dritten; aber auch diesen verwundeten sie und warfen ihn hinaus.
Da sprach der Herr des Weinbergs: Was soll ich tun? Ich will meinen Sohn schicken, den geliebten; wenn sie den sehen, werden sie sich vielleicht scheuen. Als aber die Weingärtner diesen sahen, sprachen sie untereinander: Das ist der Erbe! Kommt, lasst uns ihn töten, damit das Erbgut uns gehört. Und sie stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Was wird nun der Herr des Weinbergs mit ihnen tun? Er wird kommen und diese Weingärtner vernichten und den Weinberg anderen geben. Als sie das hörten, sprachen sie: Das sei ferne!“
Ich möchte noch einmal kurz auf die Hintergründe eingehen. In diesem Abschnitt ist Mittwoch, und zwar in der Woche, in der unser Herr gekreuzigt werden wird. Seit dem frühen Morgen ist er im Tempel und lehrt. Am Tag zuvor hatte er das Haus seines Vaters gereinigt, indem er die Tempelgeschäfte verwüstete und die Händler hinauswarf. Jetzt regiert er den Tempel, der nun zu seinen Klassenzimmer geworden ist. In Kapitel 20,1 lesen wir, dass er im Tempel ist, das Evangelium predigt und das Volk lehrt. Dort wird er dann auch von den religiösen Führern, den Hohepriestern, Schriftgelehrten und Ältesten konfrontiert.
Die Menge, die Jesus zuhört, ist sehr, sehr aufgeregt. Sie sind immer noch wie im Rausch über seinen triumphalen Einzug und hoffen, dass er der Messias sein wird, den sie sich wünschen. Begeistert hören sie zu, was Jesus zu sagen hat. Aber gleichzeitig hassen ihn die Führer Israels, verachten ihn und sind jetzt noch wütender auf ihn wie jemals zuvor. Denn schließlich hat er ohne jede Erlaubnis ihre Geschäfte ausradiert. Deshalb fragen sie ihn, mit welcher Autorität er das getan hat. Sie wollten ihn schon immer tot sehen und jetzt mehr denn je. Und am Freitag werden sie ihn durch die Hände der Römer töten lassen.
So sieht die Lage aus, am Mittwoch in dieser Woche, als unser Herr dieses Gleichnis und noch ein paar weitere Gleichnisse lehrt. Lukas nennt noch ein weiteres Gleichnis, Matthäus nennt mehrere. Das Gleichnis, um das es heute geht, ist eine sehr einfache Geschichte über einen Mann, der einen Weinberg besaß und ihn an einige Pächter verpachtete. Diese verpflichteten sich vertraglich, ihm von ihrem Ertrag einen bestimmten Betrag zu zahlen. Den Rest konnten sie behalten. Er schickte seine Sklaven aus, um das einzutreiben, was ihm vertraglich zustand. Aber sie misshandelten die Sklaven. In einem Akt des guten Willens und der Geduld schickte er seinen eigenen Sohn. Er dachte, wenn sie schon keine Sklaven respektierten, so würden sie zumindest seinen Sohn respektieren. Aber weil sie die völlige Kontrolle über den Weinberg erhalten wollten, töteten sie auch den Sohn. Jeder, der die Geschichte gehört hatte, war spontan mit der folgenden Schlussfolgerung einverstanden gewesen: Man sollte die Pächter töten und neue Bauern einstellen. Es ist eigentlich eine ganz einfache Geschichte.
Wir gingen sie durch und besprachen sie erstens unter dem Gesichtspunkt der Illustration. Der zweite Punkt war die Erklärung. Dies hatten wir in Vers 16 gesehen: „Als sie das hörten, sprachen sie: Das sei ferne!“ Als sie das hörten… . akouō, bedeutet: „als sie es verstanden“. Als sie verstanden, was er in in dem Gleichnis sagte und worauf er es bezog, sagten sie: „Nein, nein, nein, und nochmals nein“. Was ist die Erklärung des Gleichnisses?
Der Mann, dem das Land gehört, ist Gott. Der Weinberg ist Israel. Die Weingärtner sind die religiösen Führer. Das waren in erster Linie die Priester und alle anderen religiösen Führer, die in der Verantwortung standen, Israel zu hüten, bzw. den Weinberg Gottes zu pflegen. Die lange Reise des Besitzers ist die Geschichte des Alten Testaments, von den Anfängen Israels im Leben Abrahams bis zum Kommen Jesu. Während dieser langen Zeit stand das Volk Gottes unter der Obhut bestimmter Männer.
Die ausgesandten Sklaven in dem Gleichnis sind die Propheten des Alten Testaments. Sie wurden in der Geschichte Israels zu bestimmten Zeiten von Gott gesandt, um die Früchte zu empfangen, die Gott zustanden. Sie kamen, um Gottes Willen und Gottes Gesetz zu bekräftigen, um zum Gehorsam aufzurufen und um das Volk aufzufordern, für Gott Frucht zu bringen. Ihr erinnert euch an die Geschichten des Alten Testaments. Sie berichten uns, wie sie die Propheten ablehnten, sie hassten, steinigten, in zwei Hälften sägten und töteten, so dass Jerusalem als die Stadt bekannt wurde, die die Propheten tötet. Schließlich sagt Gott: „Ich werde meinen Sohn senden, den geliebten“, und sie töten ihn. Dieser Sohn ist kein anderer als Jesus Christus.
Und so erzählt Jesus Israel dessen eigene Geschichte: Ihr wart unter der Obhut bestimmter Leiter, denen Gott Verantwortung für euch anvertraut hatte, damit ihr geistliche Frucht bringt. Sie aber haben kläglich versagt. Und als Gott durch seine Propheten kam, um geistliche Frucht zu fordern, habt ihr die Propheten misshandelt, verleumdet und sogar getötet. Und nun hat Gott seinen Sohn gesandt, und was werden dieselben geistlichen Führer tun? Was werden die Priester, die Hohenpriester, die Schriftgelehrten, die Pharisäer, die Sadduzäer, die Ältesten Israels tun? Sie werden den Sohn töten. Nur zwei Tage später werden sie die Römer eingeschüchtert haben durch ihr lautes Schreien und durch ihre Forderung nach seiner Kreuzigung. Sie werden sich mit nichts anderem zufrieden geben und sie werden ihn von den Römern an ein Kreuz nageln lassen. Warum? Weil sie das Erbe haben wollen. Sie wollen die Kontrolle über die Menschen. Sie wollen Gottes Reich ausschließlich auf ihre eigene Weise führen.
Und was wird Gott mit ihnen tun? Zwei Dinge: Erstens, er wird sie zerstören. Vers 16 sagt: „Er wird kommen und diese Weingärtner umbringen“. Ich sagte euch letztes Mal schon, dass wir hier 40 Jahre nach vorne blicken, vom Jahr 30 n. Chr. wo unsere Geschichte stattfindet, bis zum Jahr 70 n. Chr. In diesem Jahr kam der römische General Titus Vespasian mit seinem riesigen Heer, um einen schon vier Jahre dauernden Aufstand der Juden niederzuschlagen. Jerusalem und der Tempel wurden endgültig zerstört und dem Erdboden gleichgemacht.
Und das war nicht nur ein zeitliches Gericht Gottes über das Gebäude, die Stadt und die Menschen. Sondern es war zugleich ein ewiges Gericht. Denn jene Hunderttausende von Menschen, die in dem Holocaust 70 n. Chr. getötet wurden, wurden direkt in die Hölle katapultiert. Dort werden sie für immer bleiben, weil sie ihren Messias abgelehnt haben.
Was wird Gott mit ihnen tun? Erstens, er wird sie zerstören. Zweitens, er wird sie vertreiben. „Gebt den Weinberg anderen.“ „Gebt den Weinberg anderen.“ Das meint, man nimmt den religiösen Führern Israels die Verantwortung für Gottes Volk ab und gibt sie anderen. Der Gedanke in diesem Gleichnis ist, dass Gott den Führern die Verantwortung für sein Volk entzieht. Sie waren bis jetzt Hüter oder Verwalter der Wahrheit gewesen.
In Römer 9 zählt Paulus die Privilegien auf, die Israel erhalten hatte: die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bündnisse, die Gesetzgebung, den Tempeldienst, die Verheißungen, die Väter, und sogar Christus.
Ihnen war alles gegeben worden, alles, was in den Schriften des Alten Testaments enthalten war. Und die Führer Israels, die Priester, Schriftgelehrten, Pharisäer, Sadduzäer und die Ältesten und alle in der priesterlichen Linie waren die Hüter dieser Wahrheit. Sie waren die Hüter der Heiligen Schrift und der Bündnisse Gottes. Sie trugen die Verantwortung dafür, dass Israel gute geistliche Früchte der Gerechtigkeit hervorbringen hätte sollen.
Aber jetzt sagt unser Herr im Blick auf die Zukunft: „Nicht nur wird diese Generation vernichtet werden, sondern die Vormundschaft über Israel wird von den Händen dieser untreuen, unzuverlässigen, den Messias ablehnenden Führer auf andere übergehen.“ Gott würde sein abtrünniges Volk mit seinen abtrünnigen Führern in der Zerstörung im Jahr 70 n. Chr. zerstören und beiseitestellen. Dann würde eine neue Führung und ein neues Volk kommen.
Wir wissen, dass bei der Zerstörung Jerusalems alle Aufzeichnungen vernichtet wurden, darunter alle Familienstammbücher. Und nach dieser Zeit wurden keine mehr geführt. Keine Generation kann heute zurückgehen und ihren Stammbaum betrachten. Deshalb können auch die priesterlichen Familien nicht mehr identifiziert werden. Sie können nicht einmal ihre eigene Stammeszugehörigkeit nachvollziehen. Alles war zerstört. Und seither wurde der Tempel nie wieder aufgebaut, noch wurden die Aufzeichnungen wiederhergestellt. Es war einfach unmöglich.
Was bedeutet das alles? Es bedeutet, dass jetzt andere zu Bewahrern der Wahrheit Gottes und des Volkes Gottes werden. Wer sind diese anderen? In Matthäus 21,43 heißt es: „Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das dessen Früchte bringt.“ Mit dieser neuen Verwalterschaft würde also ein neues Volk entstehen, das gerechte Früchte hervorbringen wird. Im Gegensatz zum früheren Israel: ein von Gott abgefallenes Volk mit von Gott abgefallenen Leitern.
Gott wird diese 70 n. Chr. beiseite setzen. Die neuen Führer würden ihrer Verantwortung treu sein, und das neue Volk würde darin treu sein dieser Verwalterschaft zu folgen. Andere würden zu Hütern der Wahrheit Gottes und zu Hütern der Heiligen Schrift werden.
Dieses Szenario war für die Juden das allerschlimmste, was sie sich jemals vorstellen könnten. Denn die neuen Führer Israels waren tatsächlich keine anderen als die Nachfolger Jesu Christi. Die jüdischen Führer hassten Jesus Christus. Und für seine Anhänger hatten sie nichts als Verachtung, Hohn und Spott übrig. Die Jünger waren für sie bestenfalls ein Haufen galiläischer Abschaum, ohne eine rabbinische Ausbildung oder ein rabbinisches Zeugnis. Sie hatten keinerlei Errungenschaften vorzuweisen und dennoch sollten ausgerechnet sie zu den neuen Hütern des Reiches Gottes und des Erlösungswerkes Gottes unter den Menschen werden.
Nun ist es nicht einfach so, dass die Heiden an die Stelle der Juden traten oder dass die Gemeinde Israel ersetzt. Es gab schon im Alten Testament Heiden, die zur Nation Israel übergetreten waren und den wahren Gott anbeteten, und es gibt heute Hunderttausende von Juden in der Gemeinde Jesu Christi.
Auch wenn das Volk Gottes in der Vergangenheit überwiegend jüdisch war und heute überwiegend heidnisch ist, geht es nicht nur einfach um einen Wechsel von Juden zu Heiden. Unser Herr spricht von einem Wechsel in der Führung. Und die neue Führung waren ausgerechnet die verachteten Apostel und Jünger Jesu.
Das sollte jetzt niemanden überraschen, denn dieser Übergang hatte bereits stattgefunden. Darüber gibt es viel zu sagen, aber ich möchte es heute nur kurz in Lukas 9 aufzeigen. Relativ früh im Dienst Jesu rief er „seine zwölf Jünger zusammen und gab ihnen Kraft und Vollmacht über alle Dämonen und zur Heilung von Krankheiten; und er sandte sie aus, um das Reich Gottes zu verkünden und die Kranken zu heilen.“
Vers 6: „Und sie gingen aus, und durchzogen die Dörfer, verkündigten das Evangelium und heilten überall.“ Eine solche Vollmacht und Wahrheit hatten die Führer Israels nicht, weil sie von Gott dazu weder autorisiert noch bevollmächtigt waren. Hier beauftragt unser Herr zu Beginn seines Dienstes die Zwölf. Er gibt ihnen Macht und Autorität über Dämonen und Krankheiten und sendet sie aus, das Evangelium des Königreiches zu verkünden. Darin geht es um den Weg zur Erlösung und den Eintritt in Gottes Reich. Deshalb sage ich, dass der Übergang bereits begonnen hat. Sie sollen die neuen Wärter, die neuen Hüter, die neuen Verwalter, die neuen Weingärtner in Gottes Weinberg sein.
Das 10. Kapitel des Lukasevangeliums beschreibt dies sogar noch ausführlicher. Vers 1: „Danach aber bestimmte der Herr noch 70 andere und sandte sie je zwei und zwei vor sich her in alle Städte und Orte, wohin er selbst kommen wollte. Er sprach nun zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es sind wenige Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende! Geht hin! Siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe.“
Damit bezeichnet er die religiösen Führer Israels als Wölfe im Schafspelz und sendet 70 Personen aus, die als Lämmer die wahre Botschaft weitertragen und Gott repräsentieren sollen. Die Übergabe der Leiterschaft hat bereits begonnen, und zwar indem Jesus die Verantwortung zunächst auf 12 ganz gewöhnliche Männer und dann auf 70 Unbekannte überträgt. Sie sind die neuen Verwalter des Reiches und der Wahrheit Gottes. In Lukas 10,17 heißt es: „Die 70 aber kehrten mit Freuden zurück und sprachen: Herr, auch die Dämonen sind uns untertan in deinem Namen!“ 35 Teams waren immer zu zweit hinausgegangen und hatten diese Macht ausgeübt. Sie haben diese Macht gesehen und erlebt.
Geht weiter zu Vers 23. „Und er wandte sich zu seinen Jüngern besonders und sprach: Glückselig sind die Augen, die sehen, was ihr seht! Denn ich sage euch, viele Propheten und Könige wünschten zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ In anderen Worten: „Ihr erhaltet Privilegien, nach denen sich die Menschen in früheren Jahrhunderten gesehnt haben, Privilegien, die den Führern Israels in keiner Weise zustehen. Ihr seht Dinge und lernt Dinge, ihr erhaltet Kraft und tut Dinge, die darauf hinweisen, dass ihr die neuen Hüter der göttlichen Wahrheit seid.“
In Matthäus 13,11 steht eine großartige Aussage. Dort sagt er zu seinen Jüngern: „Weil es euch gegeben ist, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu verstehen; jenen aber ist es nicht gegeben.“ „Euch wurde etwas gegeben, was niemandem sonst gegeben worden ist. Ihr könnt die Geheimnisse des Reiches Gottes erkennen, die früher verborgen waren und jetzt offenbart sind.“ Das ist die Wahrheit des Neuen Testaments. Die Wahrheit des Neuen Testaments.
Auch der bekannte Text in Matthäus 16 hängt mit diesem Punkt zusammen. Jesus führt in Matthäus 16,15 ein Gespräch mit seinen Aposteln und Jüngern und stellt ihnen die Frage: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Im Grunde genommen sagt er hier: Lasst uns mal zu den Grundlagen zurückkehren: Wer bin ich? „Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Glückselig bist du, Simon, Sohn des Jona; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ „Du gehörst also zu einer privilegierten Gruppe, der Gott, mein Vater, direkte Offenbarung gewährt. Ihr seht Dinge, die andere nicht sehen. Ihr hört und versteht, was andere nicht hören und verstehen. Was für die einen ein unlösbares Rätsel in einem Gleichnis ist, ist für euch klar und verständlich. Ihr habt Macht, die die Führer Israels nicht haben, Macht über Dämonen, über Krankheiten und über den Tod.“
Deshalb sage ich noch einmal: Der Übergang hat bereits stattgefunden. Und es geht noch weiter: in Matthäus 16,18 sagt Jesus: „Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.“ Mit „dem Felsen“ ist die Wahrheit gemeint, die du und die anderen Apostel als wahr bekennen.
In Epheser 2,20 heißt es, die Gemeinde ist „auferbaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, während Jesus Christus selbst der Eckstein ist“. Die neue Führung in der Gemeinde sind also die Apostel, die das Neue Testament geschrieben haben, und die Prediger, die das Neue Testament verkündigen. Jesus sagt in Matthäus 16,18: Auf euch und die Wahrheiten, die ihr verkündet, werde ich meine Gemeinde bauen, wobei die wichtigste Wahrheit die Gottheit des Herrn Jesus Christus ist. Und deshalb heißt es in Vers 19: „Und ich will dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben.“ Du wirst das Königreich aufschließen und die Menschen hineinlassen.
Die Führer Israels besaßen keine Schlüssel, um das Königreich aufzuschließen. Sie hatten nur ein falsches religiöses System. Und was haben sie produziert? Söhne Gottes? Nein. Ihre Bekehrten waren Söhne der Hölle. Aber dir gebe ich die Schlüssel „und was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein; und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ Du arbeitest mit dem Segen des Himmels.
Wenn du dich jetzt fragst: Wie kann man denn die Sünden der Menschen binden und die Sünden der Menschen lösen? Das ist ganz einfach. Wenn du zu jemandem sagst: „Glaube an den Herrn Jesus Christus und dir wird vergeben“, und er sagt: „Ich will nicht glauben“. Dann kannst du zu ihm sagen: „Du bist in deiner Sünde gebunden“. Wenn du aber zu jemandem sagst: „Glaube an den Herrn Jesus Christus und dir wird vergeben“, und er glaubt, dann kannst du zu ihm sagen: „Du bist von deiner Sünde erlöst“. Du kennst die Wahrheit des Evangeliums das rettet, und deshalb kannst du das sagen.
Hier haben wir also diese kleine Sammlung an unscheinbaren, kleingläubigen Männern. Fast alle sind ungelernte Fischer ohne Ausbildung. Sie waren nach den Maßstäben der Welt unbedeutend und ganz sicher nach den religiösen Maßstäben Israels. Aber genau diese werden zu den neuen Führer von Gottes Weinberg, die neuen Verwalter, die neuen Hüter eines neuen Gottesvolkes. In Matthäus 28,17, als unser Herr den Elfen in Galiläa ihren letzten Auftrag gab, heißt es „als sie ihn sahen, warfen sie sich anbetend vor ihm nieder“ doch selbst jetzt heißt es „etliche aber zweifelten.“
Jesus beendete alle Zweifel, indem er zu ihnen sagte: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit.“ Damit seid ihr gemeint. Ihr seid diejenigen, die hingehen. Ihr seid meine Stellvertreter. Ihr seid die neuen Pächter, die neuen Weingärtner in meinem Weinberg. So geht nun hin.
Dies ist die Verantwortung, die den Aposteln übertragen wurde, und sie blieben ihr treu. Der Apostel Paulus wurde der ursprünglichen Gruppe später hinzugefügt und war ebenfalls ein Verwalter der Geheimnisse Gottes. In 1. Korinther 4,1 schreibt er: „Seht mich als einen Haushalter der Geheimnisse Gottes. Im übrigen wird von einem Haushalter nur verlangt, dass er treu erfunden wird.“
Auch am Ende des Römerbriefs, in Römer 16, spricht er darüber, dass ihm die Verwaltung von Geheimnissen übertragen worden war. Oder in Epheser 3, wo er sagt: „Deshalb bin ich, Paulus, der Gebundene Christi Jesu für euch, die Heiden. Ihr habt ja gewiss von der Haushalterschaft der Gnade Gottes gehört, die mir für euch gegeben worden ist, dass er mich das Geheimnis durch Offenbarung wissen ließ“.
Gott hatte ihm auf übernatürliche Weise die Dinge offenbart, die verborgen waren und nun offenbart wurden. Das bezieht sich immer auf die Wahrheit des Neuen Testaments. Paulus war nun ebenfalls ein Verwalter dieser Geheimnisse und sagt: Es ist ein Geheimnis, „das in früheren Generationen den Menschenkindern nicht bekannt gemacht wurde, wie es jetzt seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist geoffenbart worden ist“. Diese sind jetzt die neuen Führer des erlösten Volkes. Und zwar durch die Gnade Gottes und nicht durch irgendeinen Verdienst.
In Epheser 4 schreibt Paulus dann: „Er hat etliche als Apostel gegeben, etliche als Propheten, etliche als Evangelisten, etliche als Hirten und Lehrer, zur Zurüstung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes des Christus, bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollkommenen Mannesreife, zum Maß der vollen Größe des Christus.“
Die Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer übernahmen also in der nächsten Generation die geistliche Leitung des Werkes Gottes. Ihre Verwalterschaft beinhaltete, den Leib Christi aufzuerbauen: durch Evangelisation und Zurüstung. Die neue Führung begann also mit den Aposteln und ging weiter mit den neutestamentlichen Propheten. Und auf das, was diesen früheren Aposteln und deren Mitarbeitern offenbart wurde, bauten wiederum die späteren Evangelisten und Pastoren ihre Lehre und ihren Dienst auf.
Ich bin heute einer in dieser langen Reihe von Verwaltern. Ich gehöre zu einer späten Generation derer, denen die Verantwortung für Gottes Wahrheit, die Heilige Schrift und das Volk Gottes übertragen wurde. Und das Gleiche gilt für jeden anderen treuen Verkündiger.
Auch in Johannes 14,25 kann man diesen Übergang sehen. Dort befindet sich Jesus zusammen mit seinen Jüngern im Obergemach.
Es ist Donnerstag, die Nacht des Passahfestes, und er spricht seine wunderbaren letzten Worte: „Dies habe ich zu euch gesprochen, während ich noch bei euch bin; der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“
Das ist einfach wunderbar: Sie sind seit drei Jahren mit Jesus unterwegs gewesen. Während dieser Zeit hat er eine Menge gesagt, viel mehr als in der Heiligen Schrift steht. Johannes schreibt an anderer Stelle, dass alle Bücher dieser Welt die Dinge nicht fassen könnten, die Jesus gesagt hat. Wie sollten sie dann als Verwalter dieser Worte jemals in der Lage sein, sich an alles zu erinnern? Deshalb verspricht Jesus ihnen: Wenn ich gehe, kommt der Geist. Und wenn der Geist kommt, wird er euch an diese Dinge erinnern, damit ihr sie aufschreiben und verkündigen könnt.
In Johannes 15,26 sagt er dasselbe noch einmal anders: „Wenn aber der Beistand kommen wird, den ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, so wird der von mir Zeugnis geben; und auch ihr werdet Zeugnis geben, weil ihr von Anfang an bei mir gewesen seid.“ Auch hier wird ihnen wieder verheißen, dass der Geist zu ihnen kommen würde, um sie zu befähigen, sich zu erinnern und zu verstehen. Der Geist würde ihnen sogar helfen, alles aufzuschreiben, was sie nach Gottes Willen für jede nachfolgende Generation festhalten sollten. Diese Aufschriebe bildeten dann natürlich das Neue Testament.
In Johannes 16,12 geht es weiter: „Noch vieles hätte ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen“. Es wäre viel zu viel und mehr, als ihr verkraften könnt. „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, so wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.“
Er wird euch helfen, euch an die Vergangenheit zu erinnern, und euch auch die Zukunft zeigen. Ihr werdet die vom Geist inspirierte Wahrheit empfangen und sie aufschreiben. Petrus drückt es so aus: Männer, die vom Heiligen Geist bewegt wurden, schrieben es auf. Und das wird zur heiligen graphē, zur Heiligen Schrift.
Die neue Verwalterschaft sah also folgendermaßen aus: Zunächst waren da die Apostel und deren Mitarbeiter, die an der Abfassung des Neuen Testaments beteiligt waren. Dann die Propheten, die verkündeten, was von den Aposteln gesprochen und geschrieben wurde. Und seither jede Generation von treuen Evangelisten und Predigern, die diese Haushalterschaft weitergeführt haben. Sie alle waren und sind die neuen Leiter. Und unter ihrer Führung entstand ein neues Volk Gottes, die wahre und lebendige Gemeinde, die Früchte hervorbringt, die Gott die Ehre geben.
Ich denke, unsere Verantwortung ist ziemlich einfach. Wir sollen das Wort predigen. So steht es in 2. Timotheus 4, wo Paulus zu Timotheus sagt: Predige das Wort. Predige das Wort es sei gelegen oder ungelegen, aber predige das Wort. Gib dich der gesunden Lehre hin. Oder in 1. Timotheus 4,16: Achte auf zwei Dinge, auf „dich selbst und auf die Lehre“. Lies die Heilige Schrift. Lege die Schrift aus. Wende die Heilige Schrift an. Das ist unsere Verantwortung.
In 1. Timotheus 6,20 heißt es: „O Timotheus, bewahre das anvertraute Gut“, das parathēkē. Dieses Wort bedeutet „eine Bankeinlage“. Paulus sagt damit: Ich habe die vom Heiligen Geist inspirierte Wahrheit bei dir hinterlegt. Hüte diese Wahrheit. Vermeide alle Lügen, alle Täuschungen und hüte die Wahrheit.
So endet der 1. Timotheusbrief und am Anfang des 2. Timotheusbriefes, in Kapitel 1,14 geht es weiter: „Dieses edle anvertraute Gut bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt!“ Was ist das edle, anvertraute Gut? Es sind in Vers 13 die „gesunden Worte, die du von mir gehört hast“. Die Apostel verstanden das. Paulus verstand es. Timotheus verstand es. Titus ebenfalls. Es wurde von Generation zu Generation weitergegeben, und jetzt ist das edle, anvertraute Gut hier bei uns. Das sind eben jene Wahrheiten, zu deren Niederschrift der Geist Gottes die Apostel und ihre Mitarbeiter inspiriert hatte. Zu dieser Verantwortung wurden auch wir berufen.
Wir sind Pachtbauern, von Gott unter Vertrag genommen. Er hat uns begabt und berufen, in diese Welt zu gehen und eine Verantwortung zu übernehmen, die ihresgleichen sucht. Wir sollen den Weinberg Gottes so pflegen, dass er Früchte der Gerechtigkeit hervorbringt, die ihm Ehre bringen. Nicht um Söhne der Hölle hervorzubringen, sondern Söhne Gottes. Söhne Gottes sollen hervorgebracht werden.
Und so endet das Gleichnis mit einem Wechsel der Weingärtner, einer Ablösung Israels. Das führt uns ganz nebenbei noch zu einer Frage: Geht es hier um eine dauerhafte Verdrängung Israels? Nein. Es ist ein vorübergehendes Beiseite-Setzen. In der Zukunft wird eine Zeit kommen, in der Israel wiederhergestellt werden wird. Nicht nur zur Erlösung, nicht nur zu einem Königreich, sondern zur Verwalterschaft der Wahrheit.
Dies ist eines der erstaunlichsten Merkmale der Endzeit. Offenbarung 6-19 beschreibt sehr ausführlich eine zukünftige Zeit, die „Trübsalszeit“ genannt werden wird. Sie wird lange dauern. In dieser Trübsalszeit wählt Gott 144 000 Juden aus, um die Welt zu evangelisieren, 12 000 aus jedem Stamm. Und nur Gott weiß, zu welchem Stamm sie gehören, sie selbst wissen es nicht. Offenbarung 7 und 14 beschreibt, dass sie zum Glauben kommen und zu Evangelisten werden.
Wenn dann das Königreich kommt und Christus gekommen ist und sein Reich aufgerichtet hat, wenn er in Jerusalem regiert und dort seinen Thron aufgestellt hat, um die Welt zu regieren, dann erhält Israel alle Verheißungen, die Abraham, David und den Propheten gegeben wurden. Das sind die Verheißungen des Abrahambundes, des Davidbundes und des Neuen Bundes. Und dann werden die Juden wieder zu Verwaltern der Wahrheit Gottes.
Ich möchte euch in Sacharja 8 einen faszinierenden Abschnitt zeigen, einer von vielen, der diesen Punkt deutlich macht. Sacharja ist ein Prophet, der durch Gottes Eingebung in die Zukunft blickt. „Und das Wort des Herrn der Heerscharen erging folgendermaßen: So spricht der Herr der Heerscharen: Ich eifere für Zion mit großem Eifer, und mit großem Grimm eifere ich für es. So spricht der Herr: Ich will wieder nach Zion zurückkehren, und ich werde Wohnung nehmen mitten in Jerusalem, und Jerusalem soll die „Stadt der Wahrheit“ heißen.“ Das liegt noch in der Zukunft. Dies beschriebt nicht unsere Gegenwart. Auch die Zeit unseres Herrn war es nicht so. Dann soll „Jerusalem die „Stadt der Wahrheit“ heißen und der Berg des Herrn der Heerscharen „der Heilige Berg“ genannt werden.
Dann wird Wahrheit und Heiligkeit herrschen. „So spricht der Herr der Heerscharen: Es sollen noch alte Männer und alte Frauen in den Straßen Jerusalems sitzen, jeder mit einem Stab in seiner Hand wegen ihres hohen Alters. Und die Straßen der Stadt sollen erfüllt werden mit Knaben und Mädchen, die auf ihren Straßen spielen. So spricht der Herr der Heerscharen: Wenn das wunderbar sein wird in den Augen des Überrests dieses Volkes in jenen Tagen, sollte es auch in meinen Augen wunderbar sein?, spricht der Herr der Heerscharen.“ Er fragt hier sozusagen: Auch wenn euch das unmöglich erscheint, ist es denn zu schwer für mich? „So spricht der Herr der Heerscharen: Siehe, ich rette mein Volk aus dem Lande des Aufgangs und aus dem Land des Untergangs der Sonne; und ich will sie hereinführen, dass sie mitten in Jerusalem wohnen sollen; und sie werden mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein in Wahrheit und Gerechtigkeit.“ Ist das so schwer auszulegen und zu verstehen? Mir erscheint es nicht allzu schwer.
Und es geht weiter in Vers 20, mitten in dieser großartigen zukünftigen Zeit des Königreichs: „So spricht der Herr der Heerscharen: Es werden noch Völker und die Bewohner vieler Städte kommen; und die Bewohner einer Stadt werden zu denen einer anderen kommen und sagen: „Lasst uns hingehen, um den Herrn anzuflehen und den Herrn der Heerscharen zu suchen! Auch ich will gehen!“ Aus allen Teilen der Welt werden sie sagen: Lasst uns nach Jerusalem gehen! Viele Völker und mächtige Nationen werden kommen, um den Herrn der Heerscharen in Jerusalem zu suchen und um seine Gunst zu bitten. Dort wird er sich aufhalten. Dort wird er herrschen.
Ich liebe Vers 23. Dort heißt es: „So spricht der Herr der Heerscharen: In jenen Tagen wird es geschehen, dass zehn Männer aus allen Sprachen der Heidenvölker einen Juden am Rockzipfel festhalten und zu ihm sagen werden: „Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist!“ Das ist das Reich Gottes.
Die ganze Welt wird den Juden am Rockzipfel hängen und darauf warten, dass sie dem Herrn entgegengeführt werden. Gott stellt die Juden durch seine gütige Vorsehung und Gnade wieder her zu Verwaltern der Wahrheit und der Heiligkeit. Und Lukas 21,24 nennt uns den Zeitpunkt dafür: nämlich wenn „die Zeiten der Heiden erfüllt sind“. Darüber werden wir in ein paar Wochen oder Monaten noch ausführlicher nachdenken. Bis die Zeit der Heiden erfüllt ist, gibt es eine neue Führung, und diese neue Führung sind wir. Und ihr seid das neue Volk, das dieser neuen Führung folgt.
Ist das nun das Ende unseres Gleichnisses von den Weingärtnern in Lukas 20? Nun, wir haben ein Problem, denn die letzten Worte des Gleichnisses sagen aus, dass sie den Sohn getötet haben. Das kann nicht das Ende sein, und das ist es auch nicht. Lasst uns zu Lukas 20 zurückkehren. Die Zuhörer verstehen das Gleichnis und geraten beim Gedanken an Zerstörung und Vertreibung in Panik. Und das sollten sie auch.
Jesus blickte sie an und sagte folgendes: „Was bedeutet denn das, was geschrieben steht?“ Dieser kleine Begriff „was geschrieben steht“, ist ein Hinweis auf das Alte Testament. Diesen Hinweis würden sie eindeutig verstehen. Matthäus drückt es in seinem Bericht über dieselbe Geschichte so aus: „Wisst ihr nicht, was die Schrift lehrt?“ Oder auch „Habt ihr noch nie in den Schriften gelesen?“ Mit diesem Hinweis auf die Heilige Schrift fragt er sie, ob sie diese vergessen haben.
Wir kommen nun von der Illustration und der Erklärung zu Punkt drei, zur Erweiterung. Das Gleichnis ist zu Ende und unser Herr erweitert hier seine Absicht. Das Gleichnis endet tragisch für die Weingärtner. Das Gleichnis endet auch tragisch für den Sohn, der tot ist. Aber der Tod des Sohnes kann nicht das Ende der Geschichte sein. Also schaut er sie an und sagt: Falls ihr euch fragt, ob dies das Ende der Geschichte ist, habt ihr die Schrift vergessen? Und er zitiert Psalm 118,22: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.“
Damit führt er sie heraus aus der Analogie und dem Gleichnis, das er bis ins Alte Testament hinein entwickelt hatte. Sie sollten nicht glaubten, dass dies das Ende der Geschichte sei. Wenn sie das gedacht hätten, dann sollten sie noch einmal gründlich nachdenken. Hatten sie die Heilige Schrift vergessen? Darin heißt es doch ganz klar, dass der verworfene Stein zum Eckstein wird.
„Wisst ihr nicht, was die Schrift lehrt?“ Jesus stellte ihnen diese Frage, weil sie den darin enthaltenen Hinweis deutlich verstehen würden. Sie kannten das Hallel, d. h. die Lobpsalmen, sehr gut. Psalm 118 kannten sie wahrscheinlich sogar auswendig. Vermutlich hatten sie bei dem Ausdruck „der Eckstein“ sogar messianische Vorstellungen. Denn in Daniel 2, in Daniel Vision über das Standbild, ist der Messias der „ohne Hände gehauene Stein“ der das Standbild zermalmt. In manchen Kreisen war der Messias als „Stein“ bekannt. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“
Wie funktioniert das? Wenn man in der Antike ein großes Gebäude aus Stein bauen wollte, dann musste vor allem ein Stein perfekt sein. Das war der Eckstein. Der musste in jede Richtung perfekt sein. Die Unterseite musste perfekt sein, damit das Gebäude eben war. Er musste an den Seiten perfekt sein, damit sich das Gebäude perfekt senkrecht aufrichtete. Er musste oben perfekt sein, damit es nicht kippte, und der Winkel musste stimmen, sonst geriet das Gebäude aus der Symmetrie. Der Eckstein gab also jeden Winkel des Gebäudes vor.
Die Baumeister wussten, dass sie, um ein großes Gebäude zu bauen, einen absolut perfekten Eckstein brauchten. Oft würde man auf einen Stein stoßen und sagen: „Der ist ganz ok, aber nicht gut genug.
Wenn wir auf dieser Seite des Steines dieser Linie folgen, wird es nicht funktionieren, weil der Winkel ein ganz kleines bisschen abweicht. Das führt dazu, dass das Gebäude nicht mehr symmetrisch ist.“ Die Baumeister würden viele Steine verwerfen müssen, bevor man den perfekten gefunden hatte. Vor allem, wenn man bedenkt, dass all diese Steine von Hand gehauen wurden.
Und so schwenkte Jesus in seinem Lehren um zu einem anderen Bild. Er beschreibt nun den Sohn als Stein, den die Bauleute verworfen hatten, indem sie sagten: „Du bist in unseren Augen nicht perfekt. Wir akzeptieren dich nicht als den Eckstein des Reiches Gottes“.
Wenn man das Hallel in Psalm 118 in seinem Kontext auslegt, wird man feststellen, dass es vom damaligen Standpunkt her auf Israel blickt. In Psalm 118 verurteilt Gott die Nationen um Israel herum, weil niemand auf Israel achtete. Alle Nachbarstaaten lehnten Israel ab und dennoch ist das Schicksal der ganzen Welt an diese kleine Eckstein-Nation geknüpft. Israel wurde verworfen, aber diese verworfene Nation wird Gottes Eckstein-Nation werden, weil dieser verworfene Messias Gottes Eckstein-Erlöser werden würde.
Und dann würde endlich wahr werden, was die ursprüngliche Absicht war: In Gottes Geschichtsschreibung soll Israel die Eckstein-Nation werden. Aber das geschieht nur, weil Christus selbst der wahre Eckstein ist, der seinem Volk Gestalt geben wird und zwar an dem Tag, an dem Israel gerettet werden wird.
Hier in Lukas 20 bezieht sich unser Herr offensichtlich auf sich selbst. Er ist der Stein, den die Bauleute verworfen haben. Petrus greift dieses Zitat in seiner Predigt in Apostelgeschichte 4,10 auf: „So sei euch allen und dem ganzen Volk Israel bekannt gemacht, dass durch den Namen Jesu Christi, des Nazareners, den ihr gekreuzigt habt, den Gott auferweckt hat aus den Toten, dass dieser durch Ihn gesund vor euch steht. Das ist der Stein, der von euch, den Bauleuten, verworfen wurde, der zum Eckstein geworden ist.“
Petrus spricht hier zu den Obersten und Schriftgelehrten, zu Hannas, Kajaphas und allen anderen Führern und sagt ihnen: Ihr habt ihn verworfen. Ihr habt ihn als Eckstein abgelehnt und nun lehnt er euch ab. Und wisst ihr was? Der Stein, den ihr verworfen habt, ist der Sohn. Und der ist zurückgekehrt und er ist der Eckstein. Damit ist die Auferstehung gemeint.
Die Geschichte endet nicht mit einem toten Sohn. Denn der Stein, den die Bauleute verworfen haben, wird zum Eckstein. Es muss also eine Wiederherstellung geben. Im Fall von Jesus ist es die Auferstehung. Er wird zwar am Freitag sterben, aber am Sonntag wieder auferstehen. Der Stein, der nicht ihren Maßstäben entsprach, der Stein, der nicht zu dem passte, was sie zu bauen versuchten, der Stein, der von der jüdischen Führung und der Nation als unzureichend, unvollkommen, inakzeptabel und fehlerhaft abgelehnt wurde, wird zum wichtigsten Stein im ewigen Reich Gottes. Gott selbst baut sein Reich. Und Jesus wird darin zum kephalēn gōnias, dem Kopf der Ecke, der die gesamte Struktur und Symmetrie von Gottes herrlichem Reich trägt.
Mit dieser Erweiterung beendet Jesus seine Erklärung des Gleichnisses. Aber das ist immer noch nicht das letzte Wort. Das letzte Wort findet sich in Vers 18. Man könnte es eine Anwendung nennen, aber es ist mehr als das. Es ist eine ernste Drohung und eine Aufforderung. Sie lautet: Du solltest besser aufpassen, wie du mit Jesus Christus umgehst. Denn in Vers 18 sagt Jesus: „Jeder, der auf diesen Stein fällt, wird zerschmettert werden; auf wen er aber fällt, den wird er wie Staub zermalmen!“
Was bedeutet das? Hier sagt Jesus auf eine bestimmte Weise, dass ein Zusammenstoßen mit dem Stein dich zerstören wird. Er nutzt dazu alttestamentarische Bildsprache und bezieht sich auf Jesaja 8,14, wo steht: „So wird er euch zum Heiligtum werden; aber zum Stein des Anstoßes und zum Fels des Strauchelns für die beiden Häuser Israels (...), sodass viele unter ihnen straucheln und fallen und zerbrochen, verstrickt und gefangen werden.“ Jesaja spricht hier vom Herrn und dass er ein Stein des Anstoßes, ein zermalmender und damit ein tödlicher Stein sein wird.
Paulus sagt in Römer 9,32 über Israel: „Denn sie haben sich gestoßen am Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht“. Und er zitiert aus der eben gelesenen Stelle aus Jesaja 8 und auch aus Jesaja 28,16, wo im Wesentlichen das Gleiche steht. „Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes, einen Fels des Ärgernisses; und jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.“ Entweder du glaubst an ihn, oder du stolperst über ihn und wirst von ihm zerschlagen.
Ich denke, dass auch Petrus Jesaja 28,16 im Kopf hatte, als er in 1. Petrus 2,6 schreibt: „Darum steht auch in der Schrift: „Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein, und wer an ihn glaubt, soll nicht zuschanden werden. Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die aber, die sich weigern, zu glauben, gilt: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, gerade der ist zum Eckstein geworden“, ein „Stein des Anstoßes“ und ein „Fels des Ärgernisses“.
Damit greift Petrus genau diese Worte Jesu auf, in denen er beide Bilder zusammenbringt: Erstens den Stein, den die Bauleute verworfen haben, gerade der wird zum Eckstein, und zweitens den Stein des Anstoßes: Wer nicht an ihn glaubt wird über ihn stolpern oder unter ihm zerschmettert werden.
Es wird schon lange vermutet, dass dahinter ein uraltes rabbinisches Sprichwort stecken würde. Es lautet folgendermaßen: „Wenn ein Stein auf einen Tontopf fällt, zerschlägt er den Topf. Wenn ein Tontopf auf einen Stein fällt, zerschlägt es den Topf.“ Ob also nun der Stein auf den Topf fällt oder der Topf auf den Stein, das Ergebnis ist dasselbe: Der Topf wird zerbrechen, und nicht der Stein. Das heißt, wenn du Jesus Christus begegnest und in irgendeiner Weise mit ihm zusammenstößt, wirst du regelrecht pulverisiert werden. Daran führt kein Weg vorbei.
Unser Herr redete immer klar und unmissverständlich. Jesus bringt hier gleichzeitig eine Botschaft der Liebe und eine Botschaft der Warnung, die einem Angst machen kann. Das bereitete ihm keine Freude, denn in Lukas 19,41 sehen wir, dass er weinte, als er nach Jerusalem kam. Jesus Christus abzulehnen ist das Tragischste, was man tun kann. Die Botschaft dieses Gleichnisses trifft den Kern der wichtigsten Entscheidung deines Lebens: Was tust du mit Jesus Christus? Wirst du dich ihm unterwerfen, und ihn als Herrn und Erlöser annehmen? Oder wirst du mit ihm zusammenstoßen und zermalmt werden?
Wie reagierten die Führer? Sehen wir uns Lukas 20,19 an. „Da suchten die obersten Priester und die Schriftgelehrten Hand an ihn zu legen in derselben Stunde; aber sie fürchteten das Volk; denn sie erkannten, dass er dieses Gleichnis im Blick auf sie gesagt hatte.“ Sie wussten, dass er von ihnen sprach und dass er sie verurteilte. Aber anstatt sich überführen zu lassen und Buße zu tun, verstärkten sie ihre Bemühungen, ihn zu töten. Das ist so traurig und tragisch. Dies war ihre letzte Chance. Johannes sagt: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm“.
Was ist mit dir? Wo stehst du? Unterwirfst du dich Christus als deinem Herrn, Retter und Erlöser? Oder wirst du mit ihm als deinem vernichtenden Richter zusammenstoßen?
Vater, bitte tue dein Werk im Herzen eines jeden Menschen hier. Herr, wir verstehen, dass du uns zwar die Wahrheit sagst, aber dass wir dann verantwortlich sind, was wir mit ihr machen. Du nimmst uns in die Verantwortung. Danke für deine Gnade. Wir danken dir, dass wir in demselben Psalm lesen, dass du unsere Stärke und unser Lied bist. Danke, dass du nicht unser Richter, sondern unser Heil geworden bist. Bring diese Rettung heute zu den Herzen. Darum bitten wir zu deiner Ehre. Amen.
ENDE
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