Wir haben nun das große Privileg, das Wort Gottes aufzuschlagen; das größte aller Privilegien, die Stimme Gottes zu hören, wie er durch die Seiten der Heiligen Schrift gesprochen hat. Der Text heute Morgen ist Lukas 23, Lukas 23. Und wir befinden uns natürlich am Kreuz Christi. Bei der Betrachtung des Lukasevangeliums haben wir den Geschichtsschreiber Lukas begleitet von der ersten Vorstellung von Zacharias und Elisabeth und der verheißenen Geburt von Johannes dem Täufer, dem Wegbereiter des Messias, bis hin zur Geburt des Herrn Jesus selbst. Wir haben mit Maria das Loblied gesungen, dass ein Erlöser geboren wurde. Wir haben gesehen, wie er aufgewachsen ist und gedient hat, und wir sind mit ihm durch all seine Prüfungen und all seine Triumphe gegangen, und jetzt stehen wir mit ihm sozusagen am Fuß von Golgatha und nehmen die überwältigende Realität der Kreuzigung Christi wahr. Ich möchte mit euch den Abschnitt ab Vers 32 bis Vers 39 lesen, auf den ich mich in der letzten Predigt bezogen habe und den wir uns heute Morgen genauer ansehen werden.
„Es wurden aber auch zwei andere hingeführt, Übeltäter, um mit ihm hingerichtet zu werden. Und als sie an den Ort kamen, den man Schädelstätte nennt, kreuzigten sie dort ihn und die Übeltäter, den einen zur Rechten, den anderen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Sie teilten aber sein Gewand und warfen das Los darüber. Und das Volk stand da und sah zu. Und es spotteten auch die Obersten mit ihnen und sprachen: Andere hat er gerettet; er rette nun sich selbst, wenn er der Christus ist, der Auserwählte Gottes! Aber auch die Kriegsknechte verspotteten ihn, indem sie herzutraten und ihm Essig brachten und sprachen: Bist du der König der Juden, so rette dich selbst! Es stand aber auch eine Inschrift über ihm geschrieben [...]: ‚Dieser ist der König der Juden‘. Einer der gehängten Übeltäter aber lästerte ihn und sprach: Bist du der Christus, so rette dich selbst und uns!“
Bei unserer letzten Betrachtung dieses Abschnitts habe ich den Titel „Die Komödie auf Golgatha“ verwendet. Mir ist bewusst, dass das eine verblüffende Vorstellung ist, dass es sich um eine Komödie handelt, aber es ist genau das, was von den Peinigern beabsichtigt war. Für sie war Jesus ein Gegenstand absoluten Spottes. Als König war er lächerlich. Diese ganze Sache sollte eine Verhöhnung der Tatsache sein, dass er ein König war. Er hatte keine Armee. Er hatte keine Hoheitsgewalt über irgendetwas oder irgendeinen Ort. Er hatte nur eine kleine und geringe Anhängerschaft. Er hatte niemanden und nichts besiegt und niemanden befreit. Es gab nichts an ihm, was den Anschein erweckte, als wäre er ein Mächtiger, sondern er wurde immer schwächer und schwächer und schwächer. Das Ganze war so komödienhaft, dass sie es in eine Verspottung verwandelt haben. Hier sind diejenigen, die sich um das Kreuz versammelt haben und sie verhöhnen, verspotten und beschimpfen Jesus mit Sarkasmus. Sie bemühen sich, den Sohn Gottes mit so viel Unehre zu behandeln, wie sie aufbringen können, mit so viel Respektlosigkeit und Verachtung und Schande, wie sie nur erzeugen können.
Schlussendlich handelt es sich tatsächlich um Gott den Sohn. Daher ist dies in der Tat eine Gotteslästerung von riesigem Ausmaß. Hier erreicht die Sünde ihren Höhepunkt. Hier zeigt sich die Sünde in ihrer ganzen Tragweite. Das ist Gotteslästerung auf dem Höhepunkt. Sie verhöhnen Gott, sie machen sich über den menschgewordenen Gott lustig und verhöhnen mit Genugtuung den Schöpfer und Erlöser – den wahren König, den wahren Messias. Schlimmeres können Sünder nicht tun. Nichts, was Sünder tun, könnte Gott mehr beleidigen als das hier. Gotteslästerung könnte nicht schlimmer sein als das, was hier vor sich geht. Wir könnten uns fragen, ob es angesichts der Abscheulichkeit dieser Tat nicht an der Zeit ist, dass Gott handelt. Wir sollten erwarten, dass ein heiliger, gerechter Gott auf diese Art der äußersten Gotteslästerung reagiert, indem er Zorn, Rache und Wut über diejenigen ausgießt, die dies gegen ihn verüben. Selbst in der Welt der falschen Götter, die von Menschen und Dämonen erfunden wurden, würde kein falscher Gott auch nur annähernd so etwas tolerieren. Sollte der wahre und heilige Gott seine Würde nicht bis zu einem gewissen Grad bewahren? Seine Ehre bis zu einem gewissen Grad aufrechterhalten? Müsste nicht der wahre und heilige Gott, der sich als solcher auf eine höchst überzeugende Weise bewiesen und seine Gottheit geoffenbart hat, und der nun auf solche Weise gelästert wird, in heiligem Zorn reagieren und einen schnellen und sofortigen Tod und ein Gericht herbeiführen? Das Gericht wird 40 Jahre später bei der Zerstörung von Jerusalem durch die Römer kommen. Viele, wenn nicht die meisten dieser Menschen, die sich heute versammeln und 40 Jahre später noch am Leben sind, werden in diesem Gericht untergehen. Viele werden sterben, bevor es so weit ist. Aber scheint das nicht eine unangemessene Geduld zu sein? Wie tolerant ist Heiligkeit? Wie geduldig ist Gerechtigkeit? Wie lang hält göttliche Barmherzigkeit und Gnade an? Wenn es jemals einen Zeitpunkt gab, an dem Gottes Zorn gerechtfertigt war, schnell zu kommen, dann war es dieser Moment.
Ironischerweise kam Gottes Urteil am Kreuz sehr schnell, aber nicht über die Menge, sondern über Jesus stellvertretend für diejenigen, die ihn lästerten. Das Alte Testament ist in Bezug auf Gotteslästerung eindeutig. In 3. Mose 24,16 heißt es: „Wer den Namen des Herrn lästert, der soll unbedingt getötet werden!“ Es ist ein Kapitalverbrechen, den Namen Gottes zu lästern. Sie sind Gotteslästerer. Das wissen sie. Sie begnügen sich damit, ihn zu lästern, ihn zu verfluchen, ihn zu beschimpfen. Genau das tun sie auch. In einer perversen Verdrehung beschuldigen sie ihn jedoch, der Gotteslästerung. Als Jesus zu Beginn seines Wirkens, in Matthäus 9, die Macht der Sündenvergebung demonstrierte, sagten sie, dieser Mann lästert Gott. Gegen Ende von Matthäus, in Kapitel 26, sagt Jesus: „Du hast es gesagt! Überdies sage ich euch: Künftig werdet ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen auf den Wolken des Himmels! Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat gelästert! Was brauchen wir weitere Zeugen? Siehe, nun habt ihr seine Lästerung gehört. Er ist des Todes schuldig! Da spuckten sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten; andere gaben ihm Backenstreiche.“
Sie sind die Gotteslästerer, aber in einer perversen Verdrehung machen sie ihn zum Gotteslästerer, und meinen dabei, dass sie diejenigen seien, die die Gerechtigkeit aufrechterhalten würden. Im Johannesevangelium, in Kapitel 10, Vers 33 steht: „Die Juden antworteten ihm und sprachen: Nicht wegen eines guten Werkes wollen wir dich steinigen, sondern wegen Gotteslästerung und zwar weil du, der du ein Mensch bist, dich selbst zu Gott machst!“ Und dann spricht Jesus in Vers 36. Er sagt: „Wieso sagt ihr dann zu dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst!, weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?“ Sie haben das Ganze verdreht. Die Gerechtigkeit sollte sie treffen, stattdessen trifft sie Christus. Das Gericht sollte sie zerschmettern, stattdessen zerschmettert es Christus. Sie beschuldigen ihn der Gotteslästerung, dabei sind sie die Gotteslästerer. Unser Herr hatte jedes Recht, sie zu verurteilen, jedes Recht, sie auf der Stelle zu vernichten und sie für immer in die Hölle zu katapultieren. Es gibt einen ähnlichen Fall bei den Propheten des Alten Testaments. Ich denke an Habakuk, den Propheten, der nicht verstehen konnte, warum Gott das abtrünnige Israel nicht richtete, und in Kapitel eins seiner Prophezeiung, in Vers 2, sagt er: „Wie lange, o Herr?“ Wie lange? Wie lange wirst du das sündige, abtrünnige Israel noch tolerieren? Und ich denke an Offenbarung 6,10, wo die Märtyrer in einer zukünftigen Zeit, der Zeit der kommenden Trübsal in der Welt, diejenigen, die den Märtyrertod durch die Hand der antichristlichen Macht erlitten haben, ebenfalls unter dem Altar zu finden sind und deren Gebete zu Gott emporsteigen. Sie sagen: Wie lange, o Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?“
Sogar die Heiligen der Vergangenheit, der Zukunft und sicherlich auch die Heiligen der Gegenwart wundern sich manchmal über die Geduld Gottes. Wie seltsam ist es, dass sie sich auf Golgatha befinden, wo der Zorn Gottes auf die Volksmenge hätte niedergehen sollen, und nun stattdessen auf Christus niedergegangen ist, für die Volksmenge, an ihrer Stelle. Aber wisst ihr, das ist nicht unvereinbar mit dem Charakter Gottes, und ich werde euch ein Beispiel dafür geben, aus dem Alten Testament. Gehen wir zurück zu Jesaja, zurück zu Jesaja. Wenn euch die Prophezeiung von Jesaja nicht bekannt ist, möchte ich euch ermutigen, euch mit ihr vertraut zu machen. Ihr könnt das tun, indem ihr sie lest. Es ist gut, sie zu lesen und zu lesen und wieder zu lesen, denn es handelt sich dabei um eine Anklage. Jesaja ist voll von angekündigten Gerichtsurteilen und zugleich auch voller Verheißungen der Erlösung. Und ihr seht hier das Herz Gottes, eine wahre Einschätzung des Zustands der Sünder, eine wahre Ankündigung des kommenden Gerichts, aber gleichzeitig auch Barmherzigkeit und Gnade, die ihnen unweigerlich zuteil werden. Im ersten Kapitel des Buches Jesaja findet sich zum Beispiel eine Art Mikrokosmos dafür. Gott sagt in Vers 2: „Doch sie lehnten sich gegen mich auf.“ Sie haben gegen mich rebelliert. In Vers 3 heißt es: „Ein Ochse kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn, aber Israel hat keine Erkenntnis; mein Volk hat keine Einsicht. Wehe der sündigen Nation, dem schuldbeladenen Volk! Same der Übeltäter, verderbte Kinder! Sie haben den Herrn verlassen, haben den Heiligen Israels gelästert, haben sich abgewandt.“ Wie tragisch. Wie schlimm ist es? Die zweite Hälfte von Vers 5 beantwortet die Frage: „Das ganze Haupt ist krank, und das ganze Herz ist wund.“ Wie schlimm ist es? Vers sechs: „Von der Fußsohle bis zum Scheitel ist nichts Unversehrtes an ihm, sondern klaffende Wunden und Striemen und frische Verletzungen, die nicht ausgedrückt, noch verbunden, noch mit Öl gelindert sind.“ Wie ein zerschundener und geschlagener, kranker und schwacher Körper, so ist Israel. Gott kündigt Gericht an. Vers 7: „Euer Land ist verwüstet, eure Städte sind mit Feuer verbrannt. Fremde fressen euer Land vor euren Augen, und es ist verwüstet, wie von Fremden verheert.“
Dies ist das Muster bei Jesaja: Sünde und Gericht. Aber kommen wir zu Vers 14: „Eure Neumonde und Festzeiten hasst meine Seele; sie sind mir zur Last geworden; ich bin es müde, sie zu ertragen. Und wenn ihr eure Hände ausbreitet, verhülle ich meine Augen vor euch, und wenn ihr auch noch so viel betet, höre ich doch nicht, denn eure Hände sind voll Blut!“ Sie befinden sich in einem ernsten Zustand und dann heißt es: „Wascht, reinigt euch! Tut das Böse, das ihr getan habt, von meinen Augen hinweg; hört auf, Böses zu tun! Lernt Gutes tun, trachtet nach dem Recht, bestraft den Gewalttätigen, schafft der Waise Recht, führt den Rechtsstreit für die Witwe!“ Und dann folgt diese Einladung: „Kommt doch, wir wollen miteinander rechten!, spricht der Herr. Wenn eure Sünden wie Scharlach sind, sollen sie weiß werden wie der Schnee; wenn sie rot sind wie Karmesin, sollen sie weiß wie Wolle werden.“ In diesem herrlichen Vers bietet Gott einem sündigen Volk Gnade und Barmherzigkeit an; über sie hat er Gericht angekündigt, das hereinbrechen wird, wenn sie nicht umkehren. Dieses Muster zieht sich auf wunderbare Weise durch das ganze Buch Jesaja. Die Zeit reicht nur, um uns einige wenige Beispiele davon anzuschauen. Nach allerlei Ankündigungen des kommenden Gerichts, beginnt Kapitel 40 mit den Worten „Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet freundlich zum Herzen Jerusalems und ruft ihr zu, dass ihr Frondienst vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist; denn sie hat von der Hand des Herrn Zweifaches empfangen für alle ihre Sünden.“ Es wartet Erlösung auf sie. Ein erstaunlicher Ausdruck von Barmherzigkeit.
Vers 3: „In der Wüste bereitet den Weg des Herrn, ebnet in der Steppe eine Straße unserem Gott! Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden; was uneben ist, soll gerade werden, und was hügelig ist, zur Ebene! Und die Herrlichkeit des Herrn wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen; denn der Mund des Herrn hat es geredet.“ Es kommt eine große und herrliche Erlösung. Die gleiche Botschaft finden wir auch in Kapitel 42, Vers 6: „Ich, der Herr, habe dich berufen in Gerechtigkeit und ergreife dich bei deiner Hand; und ich will dich behüten und dich zum Bund für das Volk setzen, zum Licht für die Heiden; dass du die Augen der Blinden öffnest, die Gebundenen aus dem Gefängnis führst und aus dem Kerker die, welche in der Finsternis sitzen. Ich bin der Herr, das ist mein Name; und ich will meine Ehre keinem anderen geben.“ Dies ist eine Anspielung auf den Messias, der zu Beginn von Kapitel 42 als Knecht erwähnt wird. So bestimmt Er für dieses ungehorsame, sündige, böse und verurteilte Volk eine kommende Erlösung, ein kommendes Reich und den kommenden Messias. Die gleiche Botschaft findest du am Anfang von Kapitel 43. Die gleiche Botschaft findest du in Kapitel 52. Die gleiche Botschaft findest du in Kapitel 53.
Aber geh bitte zu Kapitel 55, Vers 1. Das ist ein großartiger Abschnitt der Schrift. Nach weiteren Gerichtsankündigungen und Sünde, die angeklagt wird heißt es dort: „Wohlan, ihr Durstigen alle, kommt her zum Wasser; und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“ Erlösung ist immer kostenlos. Sie geschieht immer aus Gnade. Vers 2: „Warum wiegt ihr Geld ab für das, was kein Brot ist, und euren Arbeitslohn für das, was nicht sättigt? Hört doch auf mich, so sollt ihr Gutes essen, und eure Seele soll sich laben an fetter Speise! Neigt eure Ohren und kommt her zu mir; hört, so wird eure Seele leben! Denn ich will euch einen ewigen Bund gewähren: die Gnadengüter Davids, die zuverlässig sind.“ Dann wird Er in Vers 6 persönlich: „Sucht den Herrn, solange er zu finden ist; ruft ihn an, während er nahe ist! Der Gottlose verlasse seinen Weg und der Übeltäter seine Gedanken; und er kehre um zu dem Herrn, so wird er sich über ihn erbarmen, und zu unserem Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.“ Vielleicht sagst du: „Ich verstehe Gott nicht.“ Ich verstehe nicht, wie Gott auf Menschen blicken kann, die sich von ihm abgewandt haben, Menschen, die ihm nichts als Rebellion und Auflehnung entgegengebracht haben, und er hat das Urteil über sie bereits gesprochen. Wie kann Gott sich ihnen dann auf diese Weise zuwenden? Ist Gottes Geduld so groß?
Die Antwort kommt in Vers 8: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr; sondern so hoch der Himmel über der Erde ist, so viel höher sind meine Wege als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“ Wenn dir die Geduld ausgeht, Gott geht sie nicht aus. Wenn du etwas anschaust und denkst, dass die Geduld Gottes erschöpft sein müsste, weil deine Geduld längst erschöpft gewesen wäre, auf Gott trifft das nicht zu. Und die Antwort ist, dass Gott weit über uns hinausgeht, unendlich weit über uns hinausgeht, wie er denkt und wie er handelt. Die Einzigartigkeit Gottes besteht darin, dass er auch dann, wenn er aufs Äußerste beleidigt wird, zu den Beleidigern kommt und sie vor dem kommenden Gericht warnt und ihnen Vergebung, Gnade, Barmherzigkeit und Mitleid anbietet und sie zu seinen Kindern macht und sie für immer in seinen heiligen Himmel aufnimmt. Das ist der Gott, der am Kreuz hängt. Der Gott, dessen Geduld weit über unsere hinausgeht, weil seine Wege nicht unsere Wege sind, seine Gedanken nicht unsere Gedanken sind. Der verblüffende Kontrast auf Golgatha ist der Kontrast zwischen den gnadenlosen Beleidigungen der Menge und der barmherzigen Fürbitte Christi. Das sind die beiden Punkte, auf die ich euch aufmerksam machen möchte. Die gnadenlosen Beleidigungen der Menge, Vers 35. Wir werden uns nun die gnadenlosen Beleidigungen der Menge ansehen. Die Menge besteht aus vier Gruppen. Da ist das Volk, die Obersten, die Soldaten und die Diebe, und sie alle haben die gleiche Reaktion auf Jesus. Sie haben buchstäblich kein Mitgefühl. Sie sind herzlos, grausam, brutal.
Vers 35: „Und das Volk stand da und sah zu.“ Lukas gibt uns hier die bestmögliche Perspektive auf die Menschenmenge. Hier, im Lukasevangelium, hat es den Anschein, als ob sich die Menschenmenge in einem Rausch befände, als würden sie einem blutigen Sportspektakel zuschauen; sie schauen einfach nur zu und beobachten, wie sich die Komödie entfaltet. Erinnert euch daran, dass das Ganze von den Juden und den Römern als Komödie inszeniert wurde. Jesus behauptet, ein König zu sein, und das ist für sie lächerlich. Das ist der Auslöser für den ganzen Witz der hier stattfindet. Der ganze Hohn, der ganze Spott, der ganze beleidigende Sarkasmus dreht sich um die Tatsache, dass Jesus behauptete, ein König zu sein. Erinnert euch daran, wie es anfing: Die Soldaten legten ihm ein Gewand an, drückten ihm ein Rohr in die Hand und setzten ihm eine Dornenkrone auf den Kopf. Und es ging weiter, als sie ihn zum Kreuz führten, denn er wurde dort mit zwei Verbrechern gekreuzigt. Dabei achteten sie peinlichst darauf, dass ein Verbrecher auf der einen Seite und der andere Verbrecher auf der anderen Seite gekreuzigt wurden. Das sollte auf spöttische Weise einen König mit seinen beiden wichtigsten Höflingen widerspiegeln, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken. Und dann machten sie sich über ihn lustig, indem sie ihm sarkastisch sagten, dass er, wenn er ein König sei, vielleicht etwas von seiner großen Macht ausüben sollte. Sie haben ihn verspottet. Das ist fern von jeglichem Mitgefühl. Mitgefühl kann man in dieser Menge überhaupt nicht finden. Niemand zeigt Jesus Mitgefühl. Es ist die brutalste Szene, die man sich vorstellen kann.
Von römischen Soldaten könnte man Grausamkeit erwarten, weil sie so etwas ständig taten. Sie waren professionelle Henker, die ihn ans Kreuz nagelten. Wir würden Grausamkeit sogar von den Führern erwarten, den religiösen Führern, denn sie hatten bewiesen, wie grausam sie sein konnten, indem sie den Menschen schwere Lasten auferlegten, und sie haben nicht einmal den kleinen Finger gekrümmt, um ihnen tragen zu helfen. Sie waren brutal unfreundlich zu Sündern und Zöllnern und der Art von Menschen, die Jesus aufgenommen hat. Wir könnten von den Verbrechern eine unbarmherzige Grausamkeit erwarten, weil sie von Berufs wegen Kriminelle sind und Mitleid und Mitgefühl wahrscheinlich schon vor langer Zeit aus ihren Herzen verschwunden ist. Wir sind also nicht wirklich überrascht über diese Leute. Aber würden wir nicht erwarten, dass die Menschenmenge vielleicht etwas mehr Mitgefühl aufbringt? Das sind wahrscheinlich die Menschen, die Jesus von ihren Krankheiten geheilt hat. Dies könnten Menschen sein, die andere Wunder Jesu miterlebt hatten; Wunder die Jesus in der Gegend von Judäa und Jerusalem vollbracht hatte. Außerdem stammten viele aus dem Norden, aus Galiläa. Sicherlich gab es Menschen in der Menge, die unter den 5 000 gewesen waren, die Jesus gespeist hatte. Und es gab sicherlich Menschen, die andere Freunde oder Nachbarn gut kannten, die geheilt worden waren, solche die vielleicht ihr Gehör oder ihr Augenlicht wieder bekommen hatten oder die von einer Lähmung geheilt wurden und wieder gehen konnten. Sollten wir nicht erwarten, dass sie etwas mehr Mitgefühl aufbringen? Haben sie nicht gehört, wie Jesus gelehrt hat? Haben sie nicht die Sanftmut Christi, die Demut Christi und die Liebe Christi erfahren, die sich in der Schönheit und Herrlichkeit zeigte, was er lehrte?
Aber selbst die Menschenmenge ist gnadenlos. Vielleicht sagst du: „Moment mal. Alles, was in diesem Vers steht, ist, dass das Volk danebenstand und zuschaute.“ Nun, es tut mir leid, aber das ist nicht alles, was man über die gnadenlose Menge sagen kann. Das ist eine große Menschenmenge. Sie kommen von überall her. Passahfest findet gerade statt. Die Stadt ist um Hunderttausende von Menschen angewachsen, und die Menschenmenge, die sich am frühen Morgen von der öffentlichen Gerichtsverhandlung in Richtung Golgatha bewegt, wird immer größer und größer, denn Jesus ist die bei weitem beliebteste Person im ganzen Land, und er zieht eine riesige Menschenmenge an, die sich nun um das Kreuz versammelt. Das sind die Leute, die ihn am Montag als potenziellen König begrüßt hatten, als er in die Stadt kam. Es sind dieselben Leute, die früh am Morgen schrien: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ und ich denke jetzt scheinen sie irgendwie erschöpft zu sein, eine Art leerer Blick, so wie Lukas es uns berichtet. Aber Matthäus und Markus berichten uns mehr. Matthäus und Markus sagen uns, was wir wissen müssen. Matthäus 27,39: „Aber die Vorübergehenden lästerten ihn, schüttelten den Kopf und sprachen: Der du den Tempel zerstörst und in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst! Wenn du Gottes Sohn bist, so steige vom Kreuz herab! Gleicherweise [...] aber auch die obersten Priester“ und so weiter. Es ist also die Menge und die Anführer. Markus 15, Vers 29: „Und die Vorübergehenden lästerten ihn, schüttelten den Kopf und sprachen: Ha, der du den Tempel zerstörst und in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst und steige vom Kreuz herab!“ Gleicherweise spotteten aber auch die obersten Priester.“ Auch hier sind es die obersten Priester und die Vorüberziehenden. Die Menge war Teil davon. Sie wurde von den Führern instrumentalisiert. Sie lassen sich leicht von ihrem bösen, ungläubigen Herzen verführen, und sie lassen sich leicht durch die Manipulation ihrer Führer verführen. Sie haben das Komödienspiel für sich entdeckt und schütten nun ihren giftigen Sarkasmus über Jesus aus. Sie tut nie das Richtige, diese Menge. Sie haben die ganze Woche nicht das Richtige getan. Hier sind sie einfach nur bösartig und gnadenlos gegenüber dem barmherzigen Sohn Gottes. Es ist erstaunlich. Es ist erstaunlich. Dies ist das denkbar schlechteste Verhalten des Volkes Israel. Zurück zu Lukas 23,35: Wir haben zuerst die gnadenlose Menge gesehen, nun schauen wir uns die gnadenlosen Obersten an. In Vers. 35 heißt es: „Und es spotteten auch die Obersten.“ Natürlich hatten sie alles inszeniert, sie „sprachen: Andere hat er gerettet; er rette nun sich selbst, wenn er der Christus ist, der Auserwählte Gottes!“ Sie verwenden zwei messianische Begriffe: Der Christus Gottes, der Gesalbte, das ist das Wort für den Messias. Und das zweite Wort ist „der Auserwählte Gottes“. Das ist ein messianischer Titel aus Daniel Kapitel 9. Die allgemeinen alttestamentlichen Ausdrücke, die sich auf den Messias beziehen, verwenden den Begriff „der Christus Gottes“. Der spezifische Ausdruck „Sein Auserwählter“ stammt aus Daniel 9 und ist definitiv ein messianischer Titel.
Deshalb verspotten sie ihn, weil er behauptet, der Messias zu sein. Sie verspotten ihn, weil er behauptet, der von Gott Auserwählte zu sein. Sie spotten über ihn. Dies ist ein sehr starkes Wort, das nur hier und ein weiteres Mal im Lukasevangelium und nirgendwo sonst im Neuen Testament verwendet wird. Es ist ein zusammengesetztes Wort. Das griechische Wort für Nase ist muktēr. Das hier verwendete Wort ist ekmuktērizō. Es bedeutet, die Nase über ihn zu rümpfen. Es ist ein zusammengesetztes Wort, das etwas ausdrückt, was man auf eine extreme Weise tut; es ist intensiver Spott und Hohn. Sie lästern ihn. Und nebenbei bemerkt: Sie sprechen nicht mit Jesus. Sie sprechen nie mit ihm. Rund um das Kreuz gibt es keine Aufzeichnungen, dass sie jemals mit ihm gesprochen haben. Sie sprechen mit der Menge über ihn: „Andere hat er gerettet; er rette nun sich selbst, wenn er der Christus ist, der Auserwählte Gottes!“ Sie sprechen nie mit Christus. Ihre Absicht ist die Menge aufzuwiegeln, deshalb sprechen sie Jesus nicht an. „Andere hat er gerettet; er rette nun sich selbst.“ Was meinen sie damit? Das ist reiner Sarkasmus und Spott. Er hat niemanden gerettet. Wen hat er jemals gerettet? Wovon? Er hat niemanden befreit, aber natürlich meinen sie das auf eine Weise, die von politischer, militärischer Befreiung ausgeht.
Da er also alle anderen so gut gerettet und ganz Israel befreit hat, soll er nun sich selbst befreien. Das ist totale Verachtung. Außerdem sind sie ungeheuer stolz darauf, die Sieger über diesen falschen König zu sein. Sehr stolz. Und sie begrüßen diese Verantwortung, indem sie sagen, sein Blut komme auf uns und unsere Kinder. Matthäus berichtet, in Matthäus 27,42: „Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten! Ist er der König Israels, so steige er nun vom Kreuz herab, und wir wollen ihm glauben! Er hat auf Gott vertraut; der befreie ihn jetzt, wenn er Lust an ihm hat; denn er hat ja gesagt: Ich bin Gottes Sohn!“ Weißt du, sie sagen diese Dinge, aber sie haben keine Ahnung, was sie da sagen. Hör dir an was Psalm 22 sagt. Psalm 22 blickt auf das Kreuz Christi. Es ist eine Prophezeiung. Dieser Psalm fängt folgendermaßen an: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Kommt dir das bekannt vor? Es sind die Worte Jesu am Kreuz. Aber gehen wir weiter zu Vers 7, Psalm 22,7: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk. Alle, die mich sehen, spotten über mich; sie reißen den Mund auf und schütteln den Kopf.“ Genau das haben sie getan: „»Er soll doch auf den Herrn vertrauen; der soll ihn befreien; der soll ihn retten, er hat ja Lust an ihm!«“ All dieser Sarkasmus wurde in Psalm 22 vorausgesagt. Sie haben ihn Buchstabe für Buchstabe erfüllt.
Außerdem kannst du in Lukas Kapitel 9 Vers 20 und 35 nachlesen, dass Jesus den Titel „Christus Gottes“ und den Titel „Sein Auserwählter“ angenommen hat. Sie wussten, dass er es behauptet hat. Für sie war es einfach lächerlich und deswegen verwandelten sie es in einen Witz. Erinnere dich an 1. Korinther 1. Dort sagt Paulus, dass ein gekreuzigter Messias für einen Juden ein Stein des Anstoßes und für einen Nichtjuden sogar eine Torheit ist. Sie dachten, dass jemand, der gemäß 5. Mose 21,23 an einem Baum hängt, von Gott verflucht sei, und Jesus wurde von Gott verflucht, und so überhäufen sie ihn mit dem ganzen Hohn dieser Vorstellung, dass er der wahre Messias und König ist, auf den sie gewartet haben. Wie konnte dies überhaupt wahr sein? Es ist absurd. Die Anführer inszenieren dies alles und stacheln die hirnlose Menge an. Wie gesagt, sie wussten in der Tat nicht, dass er von Gott verflucht worden war. Das war wahr. Weiter heißt es in Jesaja 53,4: „Er wurde von Gott geschlagen und niedergebeugt“, und Vers 10 sagt: „Aber dem Herrn gefiel es, ihn zu zerschlagen; er ließ ihn leiden.“ Paulus schaut auf diese Stelle zurück und sagte, er ist für uns verflucht worden. Doch für die Leute war das alles Unsinn.
Es gibt noch eine dritte Gruppe. Zunächst war es die gnadenlose Menschenmenge. Dann die gnadenlosen Anführer und nun drittens die gnadenlosen Soldaten. Vers 36: „Aber auch die Kriegsknechte verspotteten ihn, indem sie herzutraten und ihm Essig brachten und sprachen: Bist du der König der Juden, so rette dich selbst!“ Sie haben keine Ahnung von jüdischer Theologie. Sie machen einfach mit. Sie folgen derselben Schiene. Auch diese gnadenlosen Soldaten verspotten ihn. Sie spotten. Das eigentliche griechische Wort empaizō bedeutet, zu verspotten. Sie fügen ihm noch mehr Schmerzen hinzu, während er dort in Qualen hängt. In einem verspottenden Akt der Ehrerbietung und einer scheinbar dienenden Haltung, schenken sie ihm sauren Wein ein, als wäre er ein König. Nun gibt es einige Begebenheiten während der Kreuzigung Jesu, bei denen ihm etwas zu trinken angeboten wurde, die eindeutig zugeordnet werden können. Das erste Mal boten sie ihm etwas zu trinken an als sie ihn an den Ort brachten, an dem er gekreuzigt werden sollte. Erinnerst du dich, dass sie ihm ein Getränk anboten, das ein Beruhigungsmittel enthielt? Das sollte wahrscheinlich dazu dienen, den Menschen ein wenig zu betäuben, damit es einfacher war, ihn ans Kreuz zu nageln und er sich nicht wehrt. Und Jesus hat das abgelehnt.
Und dann, als er ganz am Ende seines Leidens ist, sechs Stunden später, um 3 Uhr nachmittags, als er kurz davor steht, zu sterben, sagt er: „mich dürstet“, und sie reichen ihm einen Schwamm am Ende eines Stocks zum Trinken hoch. Was aber hier geschieht, scheint mir anders zu sein als diese beiden Situationen. Das scheint mir Teil des Spiels zu sein, das sie mit ihm spielten. Sie geben ihm den Wein sicher nicht als Antwort auf seine Bitte. Das scheint auch nicht das Beruhigungsmittel zu sein, denn er hängt bereits da und der Spott ist schon in vollem Gange. Mir scheint, dass sie ihm sauren Wein anbieten und gleichzeitig sagen: Wenn du der König der Juden bist, rette dich selbst. Es ist ein vorgetäuschter Akt der Ehrerbietung, als würden sie dem König königlichen Wein einschenken. Der Spott erreicht gerade das höchste Maß. Römische Soldaten tranken einen billigen Wein. Diesen haben sie nun Jesus angeboten. Sie ahmten die Obersten nach. Sie ahmten die Volksmenge nach. Und sie stießen die gleichen Spötteleien aus.
Vers 38 ist ein sehr wichtiger Hinweis im Text. „Es stand aber auch eine Inschrift über ihm geschrieben […]: »Dieser ist der König der Juden«“, dies ist natürlich der Aufhänger, der die Bühne für die ganze Komödie bereitet. Alles dreht sich um diese Idee. Woher kam diese Inschrift? Johannes 19 sagt es uns. Wir wissen, aus der Geschichte, dass wenn Menschen gekreuzigt wurden, wurde ihr Verbrechen veröffentlicht. Da Jesus kein Verbrechen begangen hat, konnte auch kein Verbrechen über ihn berichtet werden. Pilatus musste etwas auf das Schild schreiben. Und so entschied er sich für diese Anklageschrift. Johannes 19,19 berichtet „Pilatus aber schrieb eine Überschrift und heftete sie an das Kreuz.“ Dies war offensichtlich die Angelegenheit von Pilatus. Und er schrieb: „»Jesus, der Nazarener, der König der Juden«.“ Wenn man Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zusammennimmt, heißt es tatsächlich: „Das ist Jesus von Nazareth, der König der Juden.“ Es war alles ausgeschildert. Deshalb lasen viele Juden diese Inschrift, denn der Ort, an dem Jesus gekreuzigt wurde, lag in der Nähe der Stadt. Das war wiederum ein Grund für die große Menschenmenge. Das Schild wurde auf Hebräisch, Latein und Griechisch geschrieben. Pilatus wollte, dass alle es wissen, und so sagten die Hohenpriester und die Juden zu Pilatus: „Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern dass jener gesagt hat: Ich bin König der Juden! Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben!“ Pilatus wollte es nicht ändern, denn das ist seine Art, die Obersten zu verspotten. Sie hatten ihn verspottet. Sie hatten ihn buchstäblich in die Ecke gedrängt und ihn dazu erpresst, einen Mann hinzurichten, von dem er wusste, dass er unschuldig war. Sogar seine Frau hatte gesagt: „Habe nichts zu schaffen mit diesem Gerechten.“ Pilatus hatte mehrmals gesagt: „Ich finde keine Schuld an ihm.“ Herodes konnte kein Verbrechen finden. Pilatus war wie ein Narr vorgeführt worden, und das wollte er nicht auf sich sitzen lassen, also wollte er den Spieß umdrehen und die Obersten Priester nun wie Narren aussehen lassen. Dies war ein kleiner Witz von Pilatus: Das ist Jesus von Nazareth, der König der Juden. Die Juden haben gesagt, „Nimm das runter und hänge auf: er habe gesagt, er sei der König der Juden“. Pilatus antwortete, „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ Es gibt also die Leute, die Jesus verspotten, und Pilatus, der die Leute verspottet.
Die Inschrift auf der Spitze des Kreuzes deutet darauf hin, dass es sich um ein traditionelles Kreuz handelte, bei dem ein Teil des vertikalen Balkens über den Querbalken hinausragt. An dieser Spitze konnte das Schild angebracht werden. Bei einem T-förmigen Kreuz hätte man über dem Kopf kein Schild anbringen können. Noch eine Beobachtung zu den Soldaten: Am Ende von Vers 34 heißt es: „Sie teilten aber sein Gewand und warfen das Los darüber.“ Das ist ein Standardverfahren. Den Henkern wurde das Recht eingeräumt, den letzten Besitz an Kleidern und Gegenständen der hingerichteten Personen zu behalten. Das war sozusagen ein kleiner beruflicher Vorteil, ein Obolus. Im Johannesevangelium wird dies noch etwas ausführlicher dargestellt, denn Johannes gibt uns einen Einblick in das, was die Soldaten genau taten. In Johannes 19,23 heißt es: „Als nun die Kriegsknechte Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile.“ Es gibt vier Teile, vier Kleidungsstücke, die ein Mann in diesen Tag trug. Es gab einen äußeren Mantel, mit dem man sich warmhielt, so wie eine Jacke. Man konnte darauf schlafen und benutze ihn als Decke. Dann gab es Schuhe oder Sandalen. Es gab eine Kopfbedeckung. Und es gab eine Schärpe oder einen Gürtel. Vier Teile.
Wir wissen, dass bei einer Kreuzigung vier römische Soldaten anwesend waren. Wenn du in Apostelgeschichte 12,4 nachschaust, liest du von einer Gruppe von Römern. Es ist ein Quaternion, das aus vier besteht. Eine volle Einheit bestand aus vier Vierergruppen, daher ist es sehr wahrscheinlich, dass sich vier Soldaten in einer Todesschwadron befanden. Deshalb konnten die vier Kleidungsstücke auf jeden der vier aufgeteilt werden, aber es gab auch eine Tunika, die sein normales Kleidungsstück war, und die Tunika war nahtlos, in einem Stück gewebt, deswegen sagten sie, „Lass es uns nicht zerreißen.“ Lassen wir das Los entscheiden, wer es bekommen soll. Damit die Schrift erfüllt würde, teilten sie meine Kleider unter sich auf und warfen über mein Gewand das Los. Auch das steht in Psalm 22.
Und genau das haben sie getan: Sie warfen das Los und teilten seine Kleider unter sich auf, jeder nahm ein Stück, und einer gewann die Tunika. Wenn du darüber nachdenkst, wird dir klar, dass Jesus vollständig entblößt worden ist. Ihm wurden aller Kleider ausgezogen und er ist bis auf einen Lendenschurz nackt. Sie tun alles, was sie können, um ihm seine Würde zu nehmen, wenn überhaupt noch etwas von seiner Würde übrig ist. Sie wollen ihn derart zum Gespött machen, dass nichts davon übrig bleibt. Er hängt nackt da. Man kommt nicht umhin daran erinnert zu werden, dass Adam und Eva, als sie das erste Mal gesündigt hatten, sich augenblicklich bewusst wurden, dass sie nackt waren. Nacktheit symbolisiert Schuld. Nacktheit wird mit moralischer Schuld gegenüber Gott assoziiert. Adam und Eva haben erfolglos versucht, sich zu bedecken. Gott musste in 1. Mose Kapitel 3 einschreiten und ein Tier töten, um sie zu bedecken. Für ihre Scham und Nacktheit, das Symbol der moralischen Schande und Schuld, hat Gott selbst eine Bedeckung gemacht. Hier auf Golgatha wird Jesus an unserer Stelle nackt gemacht. Jesus ist in derselben Position. Er trägt das Symbol der moralischen Schuld und der moralischen Schande vor Gott. Allerdings wird er nicht bedeckt - er wird verurteilt. Er ist von Gott verflucht in dieser Nacktheit, die nicht seine eigene, sondern unsere war. Jesus, nackt an unserer Stelle. Jesus, nackt, das Symbol unserer moralischen Schuld und unserer moralischen Schande. Er wird nicht von Gott bedeckt. Er wird von Gott verurteilt, und Gott schüttet die ganze Gewalt seines Zorns über dieser Nacktheit aus. Und Jesus, der für uns nackt gemacht wurde, wird zu unserer Bedeckung. Er wird zu unserer Bekleidung, unser Lamm, das uns bedeckt. All das in der göttlichen Ironie.
Und nun zum Schluss sehen wir die unbarmherzigen Verbrecher in Vers 39. Einer der Verbrecher, die dort gehängt wurden, beschimpfte ihn mit den Worten: „Bist du der Christus, so rette dich selbst und uns!“ Es ist dasselbe, sie alle spielen das gleiche Spiel. Bei Lukas wird nur ein Verbrecher zitiert. Aber Matthäus und Markus erzählen uns den Rest der Geschichte. Matthäus berichtet in Kapitel 27,44, „Ebenso schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren,“ beide! Es ist Plural. Markus 15,32, „Auch die, welche mit ihm gekreuzigt wurden, schmähten ihn.“ Beide schlossen sich an, die ganze Volksmenge, alle Obersten, alle Soldaten, beide Verbrecher. Lukas schreibt nur auf, was einer der beiden gesagt hat, aber sie waren beide beteiligt. Sie sagen zu Jesus: „Bist du der Christus? So rette dich selbst und uns.“ Wieder wird ihm mit Verachtung und Sarkasmus begegnet. Das ist gnadenlos. Im Kontrast zu dieser Haltung der unbarmherzigen Beleidigung schauen wir auf die barmherzige Fürbitte des Christus. Es ist wirklich verblüffend, genau das Gegenteil. Schaut in Vers 34, dort sagt Jesus: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist einfach schockierend. Einfach schockierend. Ohne Zweifel ist das, was aus diesen bösen Herzen und bösen Mündern dem Sohn Gottes entgegengeschleudert wird, die höchste Gotteslästerung, die größte Entweihung der Heiligkeit, die niederträchtigste Sünde, die je begangen wurde, Bosheit in ihrer tiefsten Form, und es verdient göttliche Verfluchung, göttliche Strafe, göttliches Gericht, göttliche Verdammnis. Das ist Ungerechtigkeit ohne Parallele, Übertretung ohne Gleichen. Das ist Häresie über Häresie, Respektlosigkeit über Respektlosigkeit, Schändlichkeit über Schändlichkeit, Frevel, den man nicht erfassen kann. Wir würden erwarten, dass Jesus sie alle wütend anprangert, sie verurteilt, sie für ihre unverschämte, extreme Ungerechtigkeit sofort an Ort und Stelle bezahlen lässt, aber das tut er nicht.
Im Gegenteil. Er sagt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Er bittet Gott, ihnen zu vergeben. Jesus hat sieben Dinge am Kreuz gesprochen. Er sprach zu einem der Verbrecher und sagte: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Dann sprach er zu seiner Mutter und zu Johannes und sagte: „Siehe, deine Mutter, siehe, dein Sohn“, und übergab die Obhut seiner Mutter dem Apostel Johannes, der weit, weit weg stand. Dann war drei Stunden lang die ganze Erde dunkel und er sprach überhaupt nicht. Und dann, nach der Dunkelheit sprach er zu Gott und sagte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und dann sprach er zu den Soldaten und sagte: „Mich dürstet“, und sie gaben ihm den Schwamm. Und dann sprach er zu sich selbst und sagte: „Es ist vollbracht.“ Und dann sprach er zu Gott und sagte: „In deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Aber das erste, was er vor allem anderen sagte, war: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Seine ersten Worte waren Worte, in denen er um göttliche Vergebung für die elendesten Sünder der Welt bat. Jesus ist hier voller Liebe. Er ist der Vater, der den stinkenden verlorenen Sohn in die Arme schließt. Das ist nicht verwunderlich. Jesus hat sogar gesagt, dass jemand umso mehr liebt, je mehr ihm vergeben wird. Deshalb hat er sich bereit erklärt, großen Sündern zu vergeben, damit er von ihnen große Liebe erfahren kann.
Petrus sagt in 1. Petrus 2,23 und 24, dass er, als er geschmäht wurde, nicht wieder schmähte und dass er, als er litt, nicht drohte. Stephanus griff dies auf, und als er sah, dass die blutigen Steine sein Leben auslöschten, sagte Stephanus, seinem Herrn folgende Worte: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an.“ Dies ist ein allgemeines Gebet. Wir müssen verstehen, was er damit meinte: Es ist ein allgemeines Gebet für die ganze Welt, damit jeder weiß, dass es keine Sünde gegen den Sohn Gottes gibt, die so schwer ist, dass sie nicht vergeben werden kann, wenn der Sünder umkehrt. Das ist die Botschaft. Wenn es Vergebung für diese Menschen gibt, gibt es Vergebung für jeden. Es kann nicht schlimmer werden. Aber es ist mehr als nur ein allgemeines Gebet, es ist ein spezifisches Gebet. Als er sagte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, wusste er, wer die waren für die er betete, denn an Pfingsten bekehrten sich 3 000 Juden in Jerusalem zu Christus, ließen sich taufen, und die Gemeinde wurde gegründet. Innerhalb weniger Wochen kommen weitere 5 000 Menschen hinzu, und es werden immer mehr, bis es schließlich Zehntausende von Menschen in Jerusalem sind, die den Glauben an Jesus Christus annehmen. Es müssen viele von denen, die in den ersten Wochen nach der Auferstehung zu Christus kamen, in dieser Menge gewesen sein, so dass es ein allgemeines Gebet ist, das der ganzen Welt sagt, dass dem Sünder, der umkehrt und zu Christus kommt, das schlimmste Verbrechen vergeben werden kann, das je begangen wurde. Aber es ist auch ein spezifisches Gebet, bei dem Gott schon vor Grundlegung der Welt wusste, wem er in dieser Menge wahrlich vergeben wird. Aus diesen Menschen, die am Fuße von Golgatha standen und den Sohn Gottes verspotteten, wurde eine Gemeinde geboren. Sie wurden zur ersten Gemeinde. Nicht nur das, es gab auch einen Soldaten unter der Menge, dem vergeben wurde. Einer der Soldaten wurde gerettet. Lukas 23,47 sagt „Als aber der Hauptmann sah, was geschah, pries er Gott und sprach: Wahrlich, dieser Mensch war gerecht!“ Und Matthäus berichtet, dass er noch etwas anderes gesagt hat, er sagte: „Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn!“ Denk nicht, dass es nur dieser Hauptmann war. Schlag Matthäus 27,54 auf: „Als aber der Hauptmann und die, welche mit ihm Jesus bewachten [...] sprachen [sie]: ‚Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn!‘“ Das Gebet wurde auf der Stelle erhört. Einige in der Menge bildeten die erste Gemeinde. Einige der Soldaten bejahten die Gottheit Jesu Christi, und ein römischer Hauptmann pries den wahren Gott Israels und bekräftigte die Realität seines Sohnes. Übrigens, einige der Obersten sagten dies später auch. In Apostelgeschichte 6,7 heißt es: „Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger mehrte sich sehr in Jerusalem.“ Hört euch das an: „Auch eine große Zahl von Priestern wurde dem Glauben gehorsam.“ Außerdem war da noch einer der beiden Verbrecher, der sagte: „Herr, gedenke an mich, wenn du in deiner Königsherrschaft kommst!“ und zu ihm sagte Jesus: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein!“
Einerseits ist es ein allgemeines Gebet, das allen, die Christus abgelehnt haben, die Vergebung Gottes offenbart, unabhängig davon, wie groß die Verbrechen sind, die gegen ihn begangen wurden, aber andererseits ist es ein sehr spezifisches Gebet, das augenblicklich in Bezug auf die Menge, den Soldaten, den Verbrecher und sogar die Priester erhört wurde. Die große Ironie von Golgatha besteht darin, dass Christus, während er mit all dieser Verachtung überhäuft wurde, den Fluch Gottes trug, der viel schlimmer war als alles, was sie ihm auferlegen konnten. Du denkst vielleicht, es sei schlimm, von Menschen verflucht zu sein? Jesus wurde von Gott verflucht! Aber indem er sowohl die Flüche von den Menschen als auch den Fluch von Gott trug, sorgte er für die Versöhnung, die Vergebung möglich macht, um die er betete. Herr, wir danken dir noch einmal für die Szene, die Anschaulichkeit, den Reichtum, das Wunder, das unsere Seelen mit Freude und Dank erfüllt. Der Wunsch und das Gebet meines Herzens ist, dass alle, die hier sind, eine wahre Beziehung zu Christus haben, dass wir auf ihn als unseren Erlöser und Retter allein vertrauen, dass wir die Vergebung erhalten mögen, die er anbietet, sogar diejenigen, die seinen heiligen Namen gelästert haben. Wir danken dir für die Größe der Gnade. Wir danken dir, dass du bereit warst, alle Flüche der Menschen, ja sogar den Fluch Gottes auf dich zu nehmen, um Sündern wie uns Vergebung zu gewähren, die wir nicht verdienen. Wir loben dich und wir preisen dich. Kein Wunder, dass wir nicht genug Kraft finden können, um unser Lob laut genug und lang genug zu singen. Herr, tue deine Arbeit in jedem Herzen und wir freuen uns über diese Arbeit. Wir danken dir, dass wir in einem sehr realen Sinne in den Gedanken deines Sohnes präsent waren, als er sagte: „Vater, vergib ihnen“. Wir sind ein Teil von denen. Uns wurde vergeben. Wir sind diejenigen, für die er gebetet hat und für die du geantwortet hast. Wir danken dir für die Größe unseres Heils. Mögest du uns benutzen, um diese Erlösung zu verkünden bis ans Ende der Welt. Wir beten im Namen unseres Erretters. Amen.
ENDE
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