Ich freue mich darauf, gemeinsam mit euch das Wort Gottes zu studieren. Schlagt bitte eure Bibeln in 1. Thessalonicher 5 auf. Ich möchte mit dem letzten Teil dieses wunderbaren Briefes beginnen, den Paulus an die Christen in Thessalonich schrieb. Unser Text beginnt in Vers 12 und geht bis Vers 22. Dieser lange Abschnitt besteht eigentlich nur aus einer Reihe von Ermahnungen und Anweisungen, die alle das praktische Leben in der Gemeinde betreffen. Deshalb gebe ich diesem Abschnitt die Überschrift „Die Aufzucht einer gesunden Herde“.
Wir haben uns im vorangegangenen Abschnitt ziemlich lange mit dem zweiten Kommen Jesu Christi beschäftigt. Von Kapitel 4,13 bis Kapitel 5,11 geht es um die Wiederkunft Christi. Dieser Abschnitt spricht von der Wiederkunft für die Gemeinde, die sogenannte „Entrückung“, und seiner Wiederkunft, um die Gottlosen zu richten. Diese Wiederkunft wird auch „Der Tag des Herrn“ genannt. Ebenso wie die Gemeinde in Thessalonich sind auch wir eine Gemeinde, die auf Christi Wiederkunft wartet. In diesem Sinn leben wir in der Hoffnung auf die Zukunft und freuen uns auf das, was kommen wird. Gleichzeitig darf uns jedoch die Vorfreude auf das zweite Kommen Christi nicht gleichgültig gegenüber dem Hier und Jetzt machen. Nur weil wir ein Volk mit einer großartigen Zukunft sind, dürfen wir nicht ein Volk sein, dem die Gegenwart gleichgültig ist. Nachdem der Apostel Paulus also über die Entrückung und den Tag des Herrn geschrieben hatte, beginnt er ab Vers 11, über die praktischen Aspekte unseres heutigen Gemeindelebens zu sprechen.
Am Ende seiner Abhandlung über die Entrückung in Kapitel 4 sagt er: „So tröstet nun einander mit diesen Worten!” Und nachdem er zu Beginn von Kapitel 5 über das Gericht am Tag des Herrn gesprochen hatte, sagt er in Vers 11: „Deshalb ermahnt einander und erbaut einer den anderen, wie ihr es auch tut.“ Keiner soll entmutigt in die Zukunft blicken. Sondern sie sollen in Bezug auf ihre Zukunft ermutigt und auferbaut sein. Da stellt sich doch sofort die Frage, wie wir uns gegenseitig ermutigen können. Wie bauen wir uns gegenseitig auf? Wie reagieren wir auf die große Zukunftshoffnung, die wir haben? Und das ist genau der Gedanke, der Paulus direkt zu Vers 12 führt. Wir leben in der Gegenwart so, wie Gott es möchte, während wir auf die Entfaltung unserer großen zukünftigen Herrlichkeit warten.
Darum gibt dieser Abschnitt eine grundlegende Anleitung für das Leben in der Gemeinde und ist dabei unkompliziert, sehr praktisch und sehr direkt. Ich bin überzeugt, dass die Gemeinde eine ordentliche, gesunde Portion dieser Art von Unterweisung braucht. Wenn etwas mein Herz betrübt, dann ist es die Tatsache, dass es überall im Land so viele ungesunde Gemeinden gibt. Diese Gemeinden kennen weder die Kraft Gottes, noch die Gegenwart Gottes, den Frieden Gottes oder die Freude Gottes. Sie erfahren nicht all die Segnungen Gottes für diejenigen, die nach seinem Willen wandeln und dadurch Jesus Christus immer ähnlicher werden. Es gibt so viele ungesunde Gemeinden, in denen das so ist. Es bereitet mir immer wieder Kummer, mit Pastoren zu sprechen, die von der mangelnden geistlichen Hingabe ihrer Gemeinde belastet sind. Ebenso bereitet es mir Kummer, von Menschen zu hören, in deren Gemeinden die Leitung keinen Wert auf geistliches Wachstum und geistliche Entwicklung legt. Dieses Land ist voll von Gemeinden, die sehr beschäftigt sind, einigen großen Gemeinden, aber auch vielen ungesunden Gemeinden. Ein eher zynischer Autor betrachtete die Gemeinde und meinte, sie erinnere ihn an die Arche Noah, von der er sagte: „Wenn der Sturm draußen nicht wäre, könnte man den Gestank drinnen nicht ertragen.“
Diese zynische und abgestumpfte Sicht von der Gemeinde ist weit entfernt von dem, was die Gemeinde sein sollte und was die wahre Gemeinde auch ist. Die Gemeinde ist die am meisten gesegnete Institution auf Erden. Sie wurde als einzige vom Herrn Jesus Christus selbst erbaut. Sie ist die einzige, die er zu segnen versprach, und die von den Pforten der Hölle niemals überwunden werden kann. Das bedeutet nicht, dass die Gemeinde keine Schwierigkeiten hat, die hat sie. Und die Gemeinde hat deshalb Schwierigkeiten, weil sie aus Menschen besteht. Wir sind alle gefallen. Wir sind alle sündig. Wir sind alle unvollkommen. Wir haben Schwächen und Schwierigkeiten. Aus solchen Menschen besteht die Gemeinde. Wir müssen zugeben, dass die Gemeinde in vielerlei Hinsicht wie ein Krankenhaus ist. Sie ist kein Ort für perfekte Menschen oder für solche, die sich einbilden, perfekt zu sein. Sondern sie ist ein Ort für Menschen, die zugeben, dass sie nicht perfekt sind und Hilfe wollen. Und erst wenn die Gemeinde das zugibt, beginnt sie, sich in die richtige Richtung zu entwickeln. Es stimmt schon, dass die Gemeinde Fehler hat. Man hört immer wieder Leute sagen: „Also, ich will der Gemeinde nicht beitreten. Da gibt es zu viele Heuchler.“ Die richtige Antwort darauf würde lauten: „Dann komm rein, hier ist Platz für einen mehr.“
Sicher, wir haben Fehler. Das anzuerkennen ist die Grundhaltung, von der aus man beginnt zu wachsen und sich in die richtige Richtung zu entwickeln. Aber das fängt mit dem Eingeständnis unseres Versagens und unserer Schwächen an. Wir geben also zu, dass die Gemeinde Schwierigkeiten haben wird. Ich habe noch nie eine Gemeinde gesehen, die keine hatte. Das liegt daran, dass sowohl Menschen als auch Leiter Probleme haben, was Beziehungen belastet und erschwert. Hinzu kommt, dass Satan hart gegen die Gemeinde arbeitet, genauso wie alle seine Vertreter, ob Menschen oder Dämonen. Und trotzdem ist die wahre Gemeinde weit besser als jede andere Organisation, Vereinigung oder Institution auf Erden. Sie wird nämlich Jesus Christus immer ähnlicher. Sie vertritt Christus in der Welt und ihr Leben wird vom Heiligen Geist belebt. Sie lebt unter der Unterweisung des Wortes Gottes und wird geistlich gestärkt, sowohl durch die Gemeinschaft als auch durch den Dienst unter ihren Mitgliedern. Daher ist sie die großartigste Vereinigung, Organisation oder Institution auf der ganzen Welt. Trotzdem besteht sie aus Menschen, die alle im Prozess der Veränderung sind. Wir sind noch nicht dort, wo wir sein sollten. Aber wir sind auch nicht mehr, wo wir waren, weil wir uns in die richtige Richtung bewegen.
In Kapitel 4,1 gab Paulus eine wirklich gute Zusammenfassung des Lebens in der Gemeinde. In der Mitte des Verses sagt er: „wie ihr wandeln und Gott gefallen sollt“. Weiter sagt er: „wie ihr auch wandelt, dass ihr reichlicher zunehmt.“ Das beschreibt eine Gemeinde im Werden und fasst den Prozess zusammen. Sie machen ihre Sache gut, ja sie sind sogar hervorragend. Aber Paulus möchte, dass sie noch besser werden. Sie wandeln und gefallen Gott, aber er möchte, dass sie das noch mehr tun. Und ich denke, dass unsere Gemeinde, die Grace Community Church, der Gemeinde in Thessalonich in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich ist. Das habe ich schon öfters gesagt. Sie ist nicht ganz ohne Probleme, aber sie ist im Großen und Ganzen eine gesunde Gemeinde mit hingegebenen Menschen, die sich verpflichtet haben, so zu wandeln, wie es Gott gefällt. Es gibt geistliches Wachstum. Wir befinden uns im Prozess und sind auf dem richtigen Weg. Das, was der Apostel Paulus im letzten Abschnitt schreibt, passt also wirklich sehr gut zu unserer Gemeinde.
Paulus hatte die Gemeinde in Thessalonich in seinem Brief bereits mehrfach gelobt. Schon in Kapitel 1,2 schreibt er: „Wir danken Gott allezeit für euch alle, wenn wir euch erwähnen in unseren Gebeten.“ Er war für sie alle dankbar. In Vers 3 erklärt er, dass das so ist, weil ihr Werk im Glauben, ihre Bemühung in der Liebe und ihr standhaftes Ausharren in der Hoffnung beständig waren. Und weiter unten in Vers 6 sagt er: „Und ihr seid unsere und des Herrn Nachahmer geworden, indem ihr das Wort unter viel Bedrängnis aufgenommen habt mit Freude des Heiligen Geistes, sodass ihr Vorbilder geworden seid für alle Gläubigen.“ In Vers 8 heißt es dann: „Von euch aus ist das Wort des Herrn erklungen.“ Und in Vers 9: „Wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen.“ Vers 10: „Ihr erwartet sogar seinen Sohn aus dem Himmel.“ In Kapitel 2 ab Vers 13 sagt Paulus nochmals: „Darum danken wir auch Gott unablässig, dass ihr, als ihr das von uns verkündigte Wort Gottes empfangen habt, es nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort, das auch wirksam ist in euch, die ihr gläubig seid. Denn ihr, Brüder, seid Nachahmer der Gemeinden Gottes geworden, die in Judäa in Christus Jesus sind, weil ihr dasselbe erlitten habt von euren eigenen Volksgenossen.“ Die Thessalonicher waren hingegebene Menschen. Sie hatten die Wahrheit geglaubt, ihr Glaube war echt, ihre Liebe stark und ihre Hoffnung fest.
Vers 17 sagt, dass Paulus die Gemeinde so liebte, dass er unbedingt ihr Angesicht sehen wollte. Das wünschte er sich sehr und hatte auch versucht, zu kommen. In Vers 19 schreibt er ihnen: „Ihr seid meine Hoffnung, meine Freude, meine Krone des Ruhms.“ In Vers 20: „Ihr seid meine Ehre und Freude!“ In Kapitel 3,6 kehrte Timotheus von einem Besuch zurück und brachte „gute Nachricht [...] von eurem Glauben und eurer Liebe, und dass ihr uns allezeit in gutem Andenken habt und danach verlangt, uns zu sehen, gleichwie auch wir euch.“ Vers 8 deutet darauf hin, dass sie fest in dem Herrn standen. In Vers 9 sagt Paulus: „Denn was für einen Dank können wir Gott euretwegen abstatten für all die Freude, die wir um euretwillen haben vor unserem Gott?“ All das zeigt, dass sie eine wunderbare, gute Gemeinde waren. Sie waren als Menschen im Prozess der Veränderung auf dem richtigen Weg und das machte sie zu einer ausgezeichneten Gemeinde. Und doch sagt Paulus in Kapitel 3,10: „Wir wollen trotzdem kommen und ergänzen, was an eurem Glauben mangelt.“ Sie machten es gut, könnten es aber noch besser machen. Sie waren auf dem richtigen Weg, könnten aber noch schneller und weiter gehen.
Aber welche geistlichen Mängel auch immer in Thessalonich bestanden, sie waren nicht lebensbedrohlich oder tödlich für die Gemeinde. Sondern es gab einfach nur Wachstumspotenzial. Es war eine wahrhaft gerettete Gemeinde, eine geheiligte Gemeinde, die sich im Prozess der Heiligung befand. Sie war hingegeben, unterwarf sich der Herrschaft Christi und erfüllte die christliche Pflicht, den Willen Gottes in hervorragender Weise zu tun. Es war eine Gemeinde, die Seelen gewann, evangelisierte und das Wort Gottes weit und breit verkündete. Und es war eine Gemeinde, die auf die Wiederkunft Jesu Christi beim zweiten Kommen wartete. Alles in allem waren sie eine edle Gruppe. Aber sie könnten es besser machen. Sie hatten es noch nicht geschafft. Sie waren noch nicht perfekt. Es musste noch Veränderung erfolgen und Fortschritte gemacht werden.
Sie erwarteten zwar das Kommen Christi mit dem Sammeln der Gemeinde und dem Gericht am Tag des Herrn. Aber trotzdem mussten sie dauerhaft in der Gegenwart leben und weiter geistliche Fortschritte machen. Deshalb ermahnte sie Paulus in den Versen 12 bis 22 mit sehr einfachen, direkten und unmissverständlichen Worten, wie sie hier und jetzt in der Gemeinde leben sollten. Und auch wir, liebe Geschwister, werden diese Ermahnung sehr lehrreich und ermutigend für unsere eigenen Herzen finden. Deshalb möchte ich sie nun genauer betrachten.
Der Abschnitt lässt sich in vier Kategorien unterteilen. Es wird über die Verantwortung der Leiter gesprochen, die gegenseitige Verantwortung der Geschwister füreinander, die Verantwortung für die Anbetung Gottes und die Verantwortung für das Wirken des Heiligen Geistes. Das sind vier Bereiche der Verantwortung. Heute Morgen beginnen wir in Vers 12 mit der ersten Kategorie. Paulus gibt Anweisungen, wie sie in der Gemeinde leben sollen, um eine gesunde Herde zu werden und beginnt mit der Beziehung zwischen den Schafen und den Hirten. „Wir bitten euch aber, ihr Brüder, dass ihr diejenigen anerkennt, die an euch arbeiten und euch im Herrn vorstehen und euch zurechtweisen, und dass ihr sie umso mehr in Liebe achtet um ihres Werkes willen. Lebt im Frieden miteinander!“
Diese beiden Verse beschreiben den Ausgangspunkt für eine gesunde Gemeinde, nämlich die Beziehung zwischen Pastoren und Gemeindegliedern. Nichts ist für den geistlichen Fortschritt einer Gemeinde verheerender als eine ungesunde Beziehung zwischen den Hirten und den Schafen. Wenn es da ein Problem gibt, kann die Herde nicht gesund sein. Wenn die Hirten ihre geistliche Verantwortung gegenüber den Schafen nicht erfüllen und die Schafe ihre geistliche Verantwortung gegenüber den Hirten nicht erfüllen, kann die Gemeinde niemals so sein, wie Gott sie sich dachte. Die Gemeinde darf auf dieser überaus wichtigen Ebene nicht beschädigt sein. Die Beziehung, die wir als Leiter zu euch haben und die ihr zu uns habt, ist entscheidend. Es ist verheerend für eine Gemeinde, wenn diese Beziehung zwischen Hirten und Schafen gestört ist. Denn wenn die Integrität dieser Beziehung verlorengeht, wenn Glaubwürdigkeit, Zuversicht, Vertrauen, Liebe und Zuneigung schwinden, bleibt eine Gemeinde zurück, deren Leben zerstört ist. Und obwohl nur zwei Verse direkt davon sprechen, ist das ganze Neue Testament voll von den darin enthaltenen Wahrheiten. Wir könnten buchstäblich Monate damit verbringen, im Neuen Testament die Dinge aufzuspüren, die in diesen beiden Versen stehen. Wir werden auch so zwei Wochen brauchen, um diese beiden Verse durchzugehen. Und das ist schon ein Zugeständnis. Ich könnte zwei Monate oder sogar zwei Jahre damit verbringen.
Wie schön die Gemeinde ist, welche Freude sie bringt, oder wie wirksam und mächtig sie ist, all das hängt primär von der Beziehung zwischen Hirten und Schafen und Schafen und Hirten ab. In den über zwanzig Jahren meiner Tätigkeit in der Grace Community Church gab es Zeiten, wo im Leben einiger Menschen diese Beziehung in die Brüche ging. Es gab Zeiten, in denen einige der Hirten der Grace Church für die Schafe eine große Enttäuschung waren. Die Zerrüttung dieser Beziehungen war das schwerste Trauma, das diese Gemeinde je erlebte. Und es gab Zeiten in dieser Gemeinde, in denen die Schafe die Hirten schwer enttäuschten. Und auch in diesem Fall war das Trauma dieser Ereignisse das schwerste, das die Gemeinde je erlebte.
Wenn wir jemals Schwierigkeiten in unserer Gemeinde hatten, wenn es jemals ein geringfügiges Maß an Chaos in unserer Gemeinde gab, dann deshalb, weil Menschen in diesen Beziehungen ernüchtert wurden. Wenn die Gemeindeglieder, aus welchen Gründen auch immer, das Vertrauen in ihre Hirten verlieren, oder wenn die Hirten, aus welchen Gründen auch immer, das Vertrauen in ihre Schafe verlieren, dann ist das verheerend für eine Gemeinde. Deshalb ist diese Beziehung in diesen beiden Versen auch das Anliegen des Apostels Paulus. Alle Probleme in der Gemeinde können auf die eine oder andere Weise auf diese besondere Beziehung zurückgeführt werden. Darum müssen wir ihr besondere Aufmerksamkeit widmen.
Ich möchte mich heute und nächsten Sonntag jeweils auf einen Punkt konzentrieren. Heute Morgen möchte ich über die Verantwortung der Hirten gegenüber den Schafen sprechen. Was sind wir Hirten der Gemeinde schuldig?
Welche Verantwortung haben Hirten gegenüber den Schafen? In dem Wochenblatt habe ich euch drei Punkte aufgeschrieben, die auch Paulus nennt. Und bevor wir uns diese ansehen, möchte ich kurz den Hintergrund erklären und etwas klarstellen. Im Verlauf des Neuen Testaments wird deutlich, wer die Leiter der Gemeinde sind. Leiter der Gemeinde werden mit vier Titeln bezeichnet. Es handelt sich um die folgenden vier grundlegenden neutestamentlichen Begriffe: der erste, sehr bekannte Begriff, lautet „Ältester“, presbuteros. Er wird im Neuen Testament sehr häufig verwendet und beschreibt einen Gemeindeleiter als jemanden, der sich durch geistliche Reife und geistliche Weisheit auszeichnet. Seit Beginn der Gemeindegründung in der Apostelgeschichte war es äußerst wichtig, sicherzustellen, dass die neu gegründeten Gemeinden geistlich reife und weise Älteste hatten, die die Gemeinde leiten konnten. In 1. Timotheus 3 und Titus 1 finden sich eindeutige Eigenschaften, die solche Männer aufweisen müssen. Ihre Aufgaben sind im gesamten Neuen Testament klar umrissen. Wir wissen sehr genau, was ein Ältester ist. Er ist ein geistlich reifer und geistlich weiser Mann, dem die Verantwortung für die Leitung der Gemeinde übertragen wurde.
1. Timotheus 3 und Titus 1 verwenden noch einen anderen Begriff für diesen Leiter, nämlich das Wort „Aufseher“. Es wird manchmal mit dem alten Wort „Bischof“ übersetzt. Im Griechischen heißt es episkopos, was so viel bedeutet wie „beaufsichtigen“ oder „etwas überblicken“. Das weist darauf hin, dass der Gemeindeleiter sich nicht nur durch geistliche Reife und geistliche Weisheit auszeichnet, sondern auch durch geistliche Aufsicht und geistliche Autorität. In diesem Wort „Aufseher“ sind Aufsicht und Autorität vereint. Sie gehören zusammen. Der Begriff „Aufseher“ wird auch in Philipper 1,1 und Apostelgeschichte 20,28 verwendet.
Dann gibt es noch ein drittes Wort, das wir alle kennen, und das ist das Wort „Pastor“. Es bedeutet „Hirte“ und kommt von dem griechischen Wort poimēn. Hier geht es um die Aufgabe, die Herde zu weiden und zu beschützen. Allem Voran bedeutet es die Herde zu ernähren und sie vor Wölfen zu schützen. Dies weist darauf hin, dass der Gemeindeleiter sich ferner durch das Bereitstellen von geistlicher Nahrung und geistlichem Schutz auszeichnet.
Es gibt noch einen vierten Begriff, und zwar hēgoumenois. Das bedeutet wörtlich: „diejenigen, die euch führten“. Ich werde einfach das Wort Leiter oder Anführer verwenden. Es weist darauf hin, dass ein Aufseher, Ältester oder Pastor sich durch geistliches Unterscheidungsvermögen und geistliche Führung auszeichnen sollte. Anders ausgedrückt ist er ein effektiver Leiter, weil er die Lage einschätzen und Menschen in einen besseren Zustand versetzen kann, indem er sie auf dem richtigen Weg führt.
Ein Gemeindeleiter ist demnach also ein Mann mit geistlicher Reife, geistlicher Weisheit, geistlicher Aufsicht und geistlicher Autorität, der Menschen geistlich ernährt, geistlich beschützt, ihre Lage geistlich beurteilt und geistliche Führung bietet, damit ihr Zustand sich verbessert.
Weil die Einsetzung solcher Hirten in der frühen Gemeinde von entscheidender Bedeutung war, setzte Paulus in jeder Stadt Älteste ein. Das kann man in Apostelgeschichte 14,23 sehen. Sie sollten für Weisheit sorgen, für Unterscheidungsvermögen, Ausrichtung, Führung, Lehre und Schutz. Das war ihre Verantwortung.
Die Gemeinde in Thessalonich war erst wenige Monate alt. Sie bestand aus einer Menge brandneuer Christen. Wie konnte man in einer solchen Gemeinde Älteste finden, die geistlich reif und weise waren, die Wahrheit auf tiefgründige Weise ausdrückten, den Menschen eine gute Ausrichtung für die Zukunft geben konnten, und so weiter? Wie wollte man solche Männer in einer so jungen Gemeinde finden? Nun, das konnte man wahrscheinlich nicht, zumindest keine Männer, die das schon erreicht hatten. Aber man konnte Männer finden, die sich in diesem Prozess befunden haben. Und obwohl in diesem Brief weder Älteste, noch Aufseher, Pastoren oder Leiter erwähnt werden, ist in Vers 12 definitiv von Männern die Rede, die ihnen vorstanden. Paulus hatte also mit apostolischer Vollmacht und unter der Leitung des Heiligen Geistes bestimmte Männer ausgewählt und ihnen die Leitung übertragen. Eigentlich waren sie so etwas wie „Älteste im Werden“. Zwar trugen sie diesen Titel nicht, aber ihnen wurde mit Sicherheit Verantwortung übertragen und sie entwickelten sich dahin. Und eines Tages würden sie zweifellos Älteste, Aufseher, Pastoren oder Leiter genannt werden. Obwohl sie den Titel noch nicht trugen, lernten sie, was es bedeutet, zu führen. Das war bestimmt nicht einfach, denn sie alle waren junge Christen. Sie waren alle in etwa gleich alt im Herrn, was es für jemanden schwierig machte, die Führungsrolle zu übernehmen. Denn die anderen wussten ja, dass er zeitlich gesehen nicht reifer war als sie. Es war auch deshalb schwierig, weil die Mitglieder dieser Gemeinde vermutlich größtenteils aus dem einfachen Volk kamen und viele von ihnen möglicherweise Sklaven waren. Aus diesen wurden einige ausgewählt, und zwar aufgrund ihrer geistlichen Begabung. Sie waren von den Aposteln durch das Wirken des Heiligen Geistes als diejenigen erkannt worden, die von Gott als Leiter der Gemeinde begabt waren. Aber davor hatten sie ein Leben geführt, in dem sie nicht daran gewöhnt waren, zu führen. In ihrer Kultur waren sie keine Leiter und bekleideten keine Autoritätsposition in der Gesellschaft. Deshalb lernten sie alles über Führung, alles über geistliche Weisheit und alles über geistliche Reife gleichzeitig: in einem einzigen Lernprozess. Es war also nicht einfach für sie.
Außerdem könnte es sein, dass es in der Gemeinde in Thessalonich einen Konfliktherd gab. Manche fragten sich vielleicht, warum gerade diese Männer ihnen vorstanden, und taten sich schwer, sich unterzuordnen. Aufgrund dieser Konfliktsituation schrieb Paulus diese beiden Verse, in denen er die Gemeindeglieder ermutigt, in Frieden miteinander zu leben. In Vers 14 heißt es, dass in der Gemeinde einige Unordentliche waren, einige Kleinmütige, einige Schwache und einige, für die man Geduld brauchte. Vers 15 ist ein Hinweis darauf, dass einige Leute Böses taten, und man sollte das nicht mit Bösem vergelten. Es gab also einige Konflikte in der Gemeinde. Sie waren nicht tödlich oder lebensbedrohlich, aber es gab sie. Und diese Art von Konflikten in der Gemeinde konnte gelöst werden, indem die Hirten und die Schafe ihre Pflichten erfüllten.
Liebe Geschwister, wenn es in der Gemeinde Streitigkeiten gibt, und wenn Gemeinden sich spalten, dann liegt das normalerweise an einem Konflikt auf dieser Beziehungsebene. Das kommt immer wieder vor, weshalb Paulus das sofort klären wollte. Und so wurden einige Männer als Leiter bestimmt. Übrigens tat Paulus das zweifellos selbst unter der Leitung des Heiligen Geistes. Und ich würde behaupten, dass Älteste, Pastoren, Aufseher und Leiter immer noch durch den Heiligen Geist eingesetzt werden müssen, auch wenn wir heute keine Apostel mehr dafür haben. Nur der Heilige Geist kann in einer Gemeinde Hirten erwecken. Sie sind nicht selbsternannt, wie Diotrephes, der der Erste sein wollte. Ebensowenig werden sie durch eine Mitgliederabstimmung gewählt. Sondern die Mehrheit der gottesfürchtigen Gemeindehirten wird der Gemeinde bekannt, weil es so offensichtlich ist, dass sie heilige, vom Geist geleitete, von Gott begabte Männer sind, die diese Rolle schon ausfüllen. Wir haben heute keine Apostel mehr, die solche Männer erkennen könnten. Aber wir haben reife, gottesfürchtige Pastoren und Älteste, die andere Hirten erkennen können. Und auch die Gemeinde kann das beurteilen und sehen. Deshalb geben wir euch einmal im Jahr die Möglichkeit, uns mitzuteilen, wer unter euch Hirtenfähigkeiten bewiesen und den Dienst eines Hirten getan hat.
Weil diese Beziehung in Thessalonich so neu war und weil die Thessalonicher ihre Sache so gut machten und sich so gut entwickelten, wollte Paulus das Ganze nicht überbewerten. Er wollte ihnen nicht drohen, als würden sie irgendeinen verhängnisvollen Fehler machen. Darum beginnt er den Vers 12 sehr milde, als er sagt: „Wir bitten euch aber, ihr Brüder“. Der Apostel geht hier sehr freundlich und sanft vor und spricht kein apostolisches Machtwort aus, wie er es sonst manchmal tut. Es ist eher die Bitte eines Freundes. Denselben Satz verwendet er übrigens in Kapitel 4,1. Und auch dort droht er ihnen nicht, weil sie ihre Sache so gut machten. Sondern er sagt das Gleiche: „Ihr macht euch gut in eurer Beziehung von Hirten zu Schafen und von Schafen zu Hirten. Ihr macht das gut. Ich möchte euch nur ermutigen, es noch besser zu machen.“ Es ist also mehr eine sanfte Bitte, weniger eine Drohung.
Schauen wir uns nun den ersten Punkt an. Welche Pflichten hat der Hirte gegenüber den Schafen? Erstens sagt Vers 12, dass wir verpflichtet sind, unter den Schafen zu arbeiten, denn es heißt: „die [...], die unter euch arbeiten“. Das ist das erste Kennzeichen ihrer Pastoren, ihrer Ältesten, ihrer Leiter, ihrer angehenden, im Werden begriffenen Aufseher. „Sie arbeiten fleißig unter euch.“ Dieser Satz ist selbsterklärend. Deshalb gehe ich nur auf ein paar technische Details ein. Hier sehen wir wieder dieses Wort kopiaō, das Paulus so gerne benutzt. Es bedeutet, bis an den Rand der Erschöpfung zu arbeiten, sich sehr anzustrengen und zu bemühen und zu arbeiten, bis man müde ist. Somit beschreibt er den Pastor als jemanden, der bis an den Rand der Erschöpfung fleißig unter seinen Leuten arbeitet. Sein Dienstbereich sind seine Gemeindeglieder. Seine Verantwortung liegt nicht außerhalb der Gemeinde in weiter Ferne, sondern sie ist eng mit der Gemeinde verbunden. Wie ein Hirte eine enge Beziehung zu den Schafen hat und wie ein Vater eine enge Beziehung zu seiner Familie hat, so soll er eine enge Beziehung zu seinen Gemeindegliedern haben. Er soll mitten unter den Gemeindegliedern sein, Seite an Seite mit ihnen in geistlicher Arbeit. Dort erklärt er das Evangelium, erläutert die Wahrheit und wendet sie an, warnt sie, ermahnt sie, berät sie und hilft ihnen. Paulus selbst ging in Apostelgeschichte 20 von Haus zu Haus. Er lehrte die Dinge Gottes mit großer Hingabe unter viel Einsatz und hinterließ Spuren im Leben der Menschen. Er investierte sein Leben in die Herde, die Gott ihm gegeben hatte, so wie es jeder treue Hirte tun würde.
Kapitel 2,9 gibt uns einen tieferen Einblick in das typische Vorgehen von Paulus. Er verlangte von ihnen nämlich nichts, was er nicht auch selbst tun würde: „Ihr erinnert euch ja, Brüder, an unsere Arbeit und Mühe; denn wir arbeiteten Tag und Nacht, um niemand von euch zur Last zu fallen, und verkündigten euch dabei das Evangelium Gottes.“ Als er nach Thessalonich kam, gab es keine Gemeinde, die ihn unterstützte. Es gab keinen Ort, an dem man eine Kollekte für ihn hätte einsammeln können. Darum musste er mit seinen eigenen Händen arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er arbeitete Tag und Nacht, um für sich selbst und für alle, die mit ihm reisten, zu sorgen. Und zugleich musste er sich ganz in die Gründung einer Gemeinde investieren. Er wusste, was es heißt, hart zu arbeiten und sich aufzuopfern. Er wusste, was es heißt, sich hinzugeben und sich buchstäblich zu verausgaben, um diese Menschen zu erreichen. In 1. Thessalonicher 2,7 vergleicht er sich mit einer stillenden Mutter, die liebevoll ihre Kinder pflegt. Und wie jeder weiß, ist ein Baby zu stillen ein 24-Stunden-Job, rund um die Uhr. Paulus ging mit seiner Gemeinde so vertraut um wie eine stillende Mutter.
Später im selben Kapitel spricht er über die besondere Beziehung eines Vaters, die er zu ihnen hatte. Wie ein Vater brachte er das Wort Gottes in ihre Lebenssituation hinein und wendete es in ihrem persönlichen Leben an. In seinem zweiten Brief an die Thessalonicher gebietet er ihnen in Kapitel 3, sich von jedem Bruder zurückzuziehen, „der unordentlich wandelt und nicht nach der Überlieferung, die er von uns empfangen hat. Ihr wisst ja selbst, wie ihr uns nachahmen sollt; denn wir haben nicht unordentlich unter euch gelebt, wir haben auch nicht umsonst bei jemand Brot gegessen, sondern mit Mühe und Anstrengung haben wir Tag und Nacht gearbeitet, um niemand von euch zur Last zu fallen. Nicht dass wir kein Recht dazu hätten, sondern um euch an uns ein Vorbild zu geben, damit ihr uns nachahmt.“
Der Pastor soll also fleißig arbeiten. Im Grunde genommen bittet er die Menschen, die anderweitig für ihren Lebensunterhalt arbeiten, ihr Leben ebenfalls in den Dienst der Gemeinde zu stellen. Sie müssen beides tun. Und Paulus weiß, dass er selbst beides tun muss, wenn er ihnen beides beibringen möchte. Gott verlangt das nicht von uns allen. Nicht alle sind dazu berufen, es so zu machen, wie Paulus. Aber wir sind trotzdem dazu berufen, fleißig unser Leben damit zu verbringen, uns dem Dienst hinzugeben.
Genau das tut Paulus. Er wusste, dass er das notwendige Maß an Anstrengung, Arbeit und Mühe aufbringen musste, wenn er ein treuer Leiter sein wollte. Und so sagt er in dieser wunderbaren Aussage in Vers 7: „Wir haben nicht unordentlich unter euch gelebt.“ Man kann nur dann hart arbeiten und produktiv sein, wenn man diszipliniert ist. Disziplin erfordert ein streng geordnetes und kontrolliertes Leben. In 2. Thessalonicher 3,13 gibt Paulus dann einen weiteren guten Hinweis und sagt: „Werdet nicht müde, Gutes zu tun! Sie sollten weiterhin mit Kraft darangehen, hart zu arbeiten, bis an den Rand der Erschöpfung.
Um das wirklich richtig zu tun, muss man überaus diszipliniert sein. Deshalb sind treue Pastoren keine undisziplinierten Menschen, die sich nur am Sonntag blicken lassen. Sondern treue Pastoren sind sehr disziplinierte Menschen, die ihr Leben geordnet und angepasst haben, damit sie es ganz in ihre von Gott gegebene Herde investieren können. Dieses Prinzip wird an sehr vielen Stellen wiederholt, aber nirgendwo kommt es besser zum Ausdruck als in Kolosser 1,28, wo Paulus sagt: „Ihn“ – also Christus – „verkündigen wir, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen lehren in aller Weisheit, um jeden Menschen vollkommen in Christus Jesus darzustellen.“ Das ist ein absolut erstaunliches Ziel. Paulus sagte nicht: „Ich versuche nur, die Menschen mit Ach und Krach zu retten.“ oder „Ich versuche sie bis zur Türschwelle zu bekommen.“ Sondern er sagt: „ich werde jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, um jeden Menschen vollkommen in Christus darzustellen. Ich gebe mich nicht mit ihrer Errettung zufrieden, oder mit minimaler Geistlichkeit. Ich möchte, dass sie in Christus vollkommen sind, und zu diesem Zweck kopiaō, schufte ich bis an den Rand der Erschöpfung, mühe mich ab und quäle mich.“ Es ist eine verzehrende Aufgabe.
Ein treuer Hirte kennt seine Schafe, er hinterlässt Spuren in ihrem Leben und investiert sein ganzes Leben in sie. Das ist seine Berufung, das ist seine Pflicht und das ist seine Verantwortung. Und doch gibt es so viele, die im Dienst stehen und trotzdem ihrer Gemeinde so wenig geben. Sie nehmen viel von der Gemeinde, verbringen aber ihre Zeit an anderen Orten und mit anderen Unternehmungen. In 1. Timotheus 4,10 sagt Paulus: „Denn dafür arbeiten und kämpfen wir, weil wir auf einen lebendigen Gott hoffen, der ein Retter aller Menschen ist.” Und wieder verwendet er die Worte kopiaō und agōnizomai: Wir arbeiten bis an den Rand der Erschöpfung und quälen uns ab, weil es um ewige Dinge geht.
Das erfordert eine überaus große Anstrengung, so dass auch Paulus immer wieder den Schmerz seiner eigenen Bemühungen schildert. Er spricht über all die Schwierigkeiten, die er hatte. Dabei redet er die Verantwortung nicht schlecht, sondern spricht nur ehrlich über die Erschwernisse. Aber es ist interessant, dass er in 1. Korinther 15,10 mit Blick auf all die anderen sagte, die predigten und arbeiteten: „Ich habe mehr gearbeitet als sie alle.“ Und dann schreibt er alles der Gnade Gottes zu, die in ihm wirkte. Es ist manchmal schwer, jungen Männern, angehenden Hirten, zu vermitteln, dass im Dienst der Unterschied zwischen großer Effektivität und Mittelmäßigkeit in der eigenen Anstrengung liegt. Dabei ist es kein Geheimnis und es hat auch nichts Magisches an sich, sondern der Schlüssel ist einzig und allein Arbeit und Anstrengung. Das erinnert mich an die Worte von Amy Carmichael, die schrieb: „Gott, verhärte mich gegen mich selbst, den Feigling mit jämmerlicher Stimme, der Bequemlichkeit, Ruhe und Freude begehrt. Verhärte mich gegen mich selbst, der ich mein eigener Erzverräter bin, mein falschester Freund, mein tödlichster Feind, mein Hindernis auf jedem Weg“, Zitatende. Man muss sich selbst überwinden, indem man gegen die eigene bequeme Tendenz zur Faulheit und Gleichgültigkeit ankämpft. Sonst kann man kein diszipliniertes Leben führen und damit auch nicht die Anstrengung und Mühe aufbringen, die für Effektivität notwendig sind.
Dies ist ein Beispiel und zugleich das Muster für die Pflicht eines jeden Hirten, der dient. Erfolgreiche Leiter sind diejenigen, die bereit sind, bis zur Erschöpfung zu arbeiten. Sie verfolgen Ziele, die so groß sind, dass sie völlige Aufopferung erfordern. Wenn das Ziel so groß ist, wie kannst du dich dann mit wenig Hingabe zufrieden geben? Jemand sagte einmal: „Es ist ein Kreuz, ja ein Kreuz, das der geistlichen Leitung im Weg steht. Der Leiter muss bereit sein, sich an dieses Kreuz schlagen zu lassen.“ Von einem bestimmten Leiter wurde gesagt: „Er gehörte zu jener Art der frühen Märtyrer, deren leidenschaftliche Seele schon sehr bald den physischen Menschen zerstörte.“ Und Richard Baxter hatte recht mit seinem Ausspruch: „Dies ist keine Last für die Schultern eines Kindes.“ Es braucht einen Mann, einen richtigen Mann, um die Verantwortung für die erforderliche Arbeit unter den Schafen zu übernehmen. Es stimmt, dass die Welt von müden Männern regiert wird. Und dasselbe gilt auch für die Gemeinde.
Natürlich müssen wir die andere Seite auch im Gleichgewicht behalten. Ich erinnere mich, dass der schottische Pastor Robert Murray M‘Cheyne im Alter von 29 Jahren im Sterben lag. Er wandte sich an einen Freund neben seinem Bett und sagte: „Ich habe das Pferd getötet und jetzt kann ich die Botschaft nicht mehr überbringen.“ Es kann durchaus passieren, dass man ein wenig zu weit geht. Aber der Dienst des Hirten in der Gemeinde erfordert beschwerliche Arbeit unter den Schafen. Es ist seine Verantwortung, sich den Schafen als Diener hinzugeben und ihre Bedürfnisse in allen ihm möglichen Bereichen zu erfüllen. Einiges kann dabei delegiert werden und man kann die Last teilen. Aber das ist die Arbeit, die von ihm getan werden muss.
Zweitens steht der Hirte nicht nur in der Verantwortung, unter den Schafen zu arbeiten, sondern er hat auch Autorität über die Schafe. Das macht Vers 12 sehr deutlich, wo es um die geht, die „euch im Herrn vorstehen“. Proistēmi „euch vorstehen“, bedeutet, vor jemandem zu stehen, den Vorsitz zu führen, zu leiten oder zu lenken. Das Wort wird in 1. Timotheus 3,4.5.12 dreimal verwendet und in 1. Timotheus 5,17; jedes Mal in Bezug auf Älteste, Pastoren und Leiter in der Gemeinde. Es bedeutet, verantwortlich zu sein und Autorität zu haben. Diese Autorität wird ihnen zugegebenermaßen von Christus delegiert. Sie stehen an Christi Stelle. Petrus nennt sie Unterhirten, die unter dem großen Hirten stehen. Beachte, dass es heißt: „Wir stehen euch vor.“
Als Hirten haben wir den Vorsitz über euch. Wir führen und leiten euch. Wir haben die Verantwortung, euch geistliche Weisheit, geistlichen Schutz, geistliche Führung und Leitung zu geben. Es liegt in unserer Verantwortung, uns um all diese Dinge zu kümmern. Wir müssen für die allgemeine Gesundheit der Gemeinde, die Stimmung und die Moral der Gruppe sorgen, den geistlichen Ton vorgeben und so eine funktionierende Einheit schaffen. Wir müssen uns um Menschen in ihren persönlichen Beziehungen und all ihren Schwierigkeiten im Leben kümmern und Probleme lösen, indem wir sie aufdecken, Optionen bewerten, Lösungen finden und auf Veränderung hinarbeiten. Es liegt in unserer Verantwortung, kreativ zu planen, Strategien zu entwickeln, zu bewerten, zu analysieren, zu kritisieren und Methoden zu finden, um geistliche Ziele zu erreichen. Wir sind verantwortlich, euch in dieser Weise zu führen. All das steckt in: „Wir stehen euch vor“.
Bitte beachte die kleine Phrase „im Herrn“. Wir ernannten uns nicht selbst. Es ist nicht menschengemacht und nicht ihr habt uns diese Autorität übertragen. Ebenso wenig haben wir sie uns selbst genommen. Sondern wir sind von Gott berufen, ausgerüstet und eingesetzt. Es ist unsere Pflicht, um des Herrn willen vorzustehen. Nicht für unsere persönliche Macht, nicht für unser persönliches Ansehen, nicht für persönlichen Gewinn, sondern um des Herrn willen. Dieser kleine Zusatz „im Herrn“ bestimmt den Bereich, auf den sich unsere Autorität ausstreckt. Unsere Autorität liegt in ihm. Er hat sie uns übertragen. Wir haben sie nur, solange wir seinem Wort und seinem Willen gehorsam sind. Es ist eine übertragene Autorität. Sie gehört uns nicht und geht nicht über seinen Willen hinaus, der in seinem Wort und durch seinen Geist ausgedrückt wird. Wir haben also Autorität, aber nur „im Herrn“ und nicht darüber hinaus.
Ich habe zu euch schon oft gesagt, dass ich außerhalb des Wortes Gottes und seiner Anwendung auf das Leben der Gemeinde keine Autorität besitze. Meine Autorität liegt einzig und allein beim Herrn. Er hat sie mir übertragen, damit ich unter der Leitung des Geistes Gottes durch die Anwendung dieses Wortes wirke. Die Aufsicht, die wir haben, bringt also große Verantwortung mit sich. Petrus sagt in 1. Petrus 5, wir sollen nicht über die Herde herrschen. Im Lukasevangelium heißt es von den Heiden, dass sie beherrschen. Das sollen wir nicht tun. Hier ist nicht diese Art von Aufsicht gemeint. Sondern es ist eine liebevolle, sanfte, übertragene Autorität, die nicht uns, sondern euch dient. Sie erhöht nicht uns, sondern erhebt euch.
Die Verantwortung der Hirten besteht also darin, hart unter den Schafen zu arbeiten, allen ihren Bedürfnisse zu dienen und dann Autorität über sie auszuüben. Das bedeutet, sie in die richtige Richtung zu führen, sie zu korrigieren, ihre Probleme zu lösen, Einheit und Harmonie zu schaffen, Menschen, die zerstritten sind, zu vereinen, Beziehungen wieder aufzubauen, Orientierung zu geben, sowie den geistlichen Ton anzugeben.
Drittens und letztens heißt es am Ende von Vers 12 sehr einfach und direkt: „… und euch zurechtweisen“. Die dritte Verantwortung der Hirten gegenüber den Schafen ist deren Unterweisung und Zurechtweisung. Sie arbeiten unter den Schafen, haben Autorität über die Schafe, und Anleitung für die Schafe. Das kommt von dem Verb noutheteō, das im Neuen Testament oft mit „ermahnen“ oder „zurechtweisen“ übersetzt wird. Das Wort „ermahnen, zurechtweisen“ ist dir schon oft in deiner Bibel begegnet. Im Grunde meint es Unterweisung, aber mit dem Ziel der Korrektur. Dahinter steckt der Gedanke: Wenn du so weitermachst, wirst du Probleme bekommen. Du musst umkehren und in diese Richtung gehen. Hier geht es nicht um akademisch spitzfindige, kleinliche Unterweisung und auch nicht um Daten oder Informationen. Sondern es ist Unterweisung mit dem Ziel, Menschen zu korrigieren und sie dadurch zu verändern. Wenn ich jungen Männern das Predigen beibringe, sage ich ihnen, dass unsere Predigt immer die Veränderung zum Ziel hat. Man predigt immer darauf hin, dass der Zuhörer sich ein Urteil bildet und sagt: „Ich bin hier, ich sollte aber dort sein, und Folgendes muss ich tun um von hier nach da zu kommen.“ Im Prinzip soll jede Predigt die Menschen dahin bringen, dass sie erkennen wo sie stehen, dass sie verstehen wo sie sein sollten, und was sie bewegt um dorthin zu kommen. Die Lehre beinhaltet also ein Element der Warnung, ein Element der Korrektur und ein Element der Lenkung hin zu einem heiligen Leben. Man könnte sagen, es ist liebevolle Unterweisung zu einem heiligen Leben. In 1. Korinther 4,14 wird dieses Wort noutheteō genutzt, um zu beschreiben, wie ein Vater seine geliebten Kinder unterweist. Paulus sagt den Korinthern: „Ich ermahne euch als meine geliebten Kinder.“ Er unterweist sie sanft und liebevoll und lenkt sie weg von dem, was sie verletzt, und hin zu dem, was sie segnet. Und natürlich ist nur das Wort Gottes die Quelle dafür.
Die Hirten sollen also begabte und geschickte Lehrer sein. Das ist übrigens unter allen geforderten Charaktereigenschaften die einzige spezifische Fähigkeit, die sie laut 1. Timotheus 3,2 und Titus 1 haben sollten. Dass die Lehrverantwortung wichtig ist, wiederholt auch 1. Timotheus 4,6.16. Warum soll ein Hirte als Gemeindeleiter ein fähiger Lehrer sein? Titus 1,9 beschreibt ihn als jemanden, „der sich an das zuverlässige Wort hält, wie es der Lehre entspricht.“ Anders ausgedrückt soll er sich darum bemühen, am zuverlässigen Wort entsprechend der gesunden Lehre festzuhalten, damit er die Wahrheit lehren kann. Er soll fähig sein, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen als auch die Widersprechenden zu überführen. Wir sehen hier die positive und negative Seite. Denn man muss diejenigen, die die Wahrheit glauben, ermahnen, nun auch die Wahrheit zu tun. Und man muss diejenigen, die die Wahrheit leugnen, ermahnen, ihren Irrtum aufzugeben und die Wahrheit anzunehmen. Daher muss die Unterweisung auf der Kenntnis der Wahrheit aufbauen, sowie auf der Fähigkeit, sie anzuwenden.
Paulus sagt, dass es viele widerspenstige und leere Schwätzer und Verführer gibt. Er sagt, dass man ihnen den Mund stopfen muss. Vielleicht fragst du dich: Wer wird sie zum Schweigen bringen? Das machst du. Das machen die Hirten. Sie sind fähig, den Irrtum der Verführer mit großer Kraft durch das Wort zu widerlegen. Und weil sie fähig sind, mit dem Wort die Wahrheit mit großer Kraft und gut verständlich auszudrücken, bauen sie auch die Gemeinde auf. In Epheser 4 heißt es, dass sie der Gemeinde zur Erbauung der Heiligen gegeben sind. Und laut Apostelgeschichte 20,32 wird die Gemeinde durch Gottes Wort erbaut und auferbaut.
Wenn also das Wort Gottes euch erbaut, und es meine Aufgabe ist, euch zu erbauen, dann muss ich euch das Wort Gottes geben, das euch erbaut. Ich muss dazu begabt und darin geschult sein, damit es große Auswirkungen auf euer Leben hat und sich auch auf diejenigen auswirkt, die die Wahrheit leugnen. Dies geschieht, indem ich ihnen unwiderlegbare Argumente liefere. Was mich persönlich betrifft: Wenn es etwas in meinem Leben gibt, das mich in meinem Dienst antreibt und mich wirklich mehr als alles andere drängt, dann ist das meine Sicht von der Schrift. Ich glaube, dass die Schrift das heilige, irrtumslose, inspirierte Wort Gottes ist, deshalb ist sie mir heilig. Darum habe ich enorme Angst davor, sie einmal zu verdrehen oder eine ihrer Wahrheiten zu ignorieren. Ich weiß, dass jedes ihrer Worte rein ist. So dient jedes Wort aus dem Geist Gottes, das uns auf diesen Seiten gegeben wird, auf die eine oder andere Weise zu unserer Erbauung. Darum muss ich mich verpflichten, es ganz zu lehren. Die Leute fragen mich: „Warum gehst du jeden Satz und jeden Vers Wort für Wort durch?“ Der Grund dafür ist, dass jedes einzelne Wort von Gott gekommen ist. Wer bin ich, Gott zu überarbeiten? Ich bin nicht Gottes Lektor, ich bin nicht einmal sein Ausleger. Ich muss zulassen, dass Gottes Schrift die Schrift auslegt und dass Gott sein eigenes Wort auslegt.
Was mich antreibt und drängt, ist also zunächst meine Sicht von der Schrift. Aber dem voraus geht natürlich noch die Auffassung von Gott als einem heiligen Gott, der sein Wort sprach, damit es zu den Menschen gesprochen werden kann. Wir sollen also nicht nur unter euch arbeiten und Autorität über euch ausüben, sondern wir sollen euch auch mit großem Geschick unterweisen. Richard Baxter drückte es vor einigen Jahrhunderten folgendermaßen aus: „Welches Geschick ist beim Predigen nötig, um die Wahrheit deutlich zu machen, um die Zuhörer zu überzeugen, um unwiderstehliches Licht in ihr Gewissen zu bringen, es dort zu halten und einzuprägen; um die Wahrheit fest in ihrem Verstand zu verankern und Christus in ihre Zuneigung hineinzuarbeiten; um jedem Einwand zu begegnen und ihn eindeutig zu entkräften; um die Sünder in die Enge zu treiben und ihnen klar zu machen, dass es keine Hoffnung gibt, sondern dass sie unweigerlich entweder bekehrt oder verdammt werden – und dies alles in angemessener Sprache und angemessenem Stil zu tun und doch so, wie es den Fähigkeiten der Zuhörer am besten entspricht? Dies und vieles mehr, was in jeder Predigt getan werden sollte, erfordert sicherlich ein großes Maß an heiligem Geschick.
Ein so großer Gott, dessen Botschaft wir überbringen, sollte geehrt werden durch unsere Art, sie zu überbringen. Es ist beklagenswert, dass wir so schwach, so ungeschickt, so unklug oder so leichtsinnig sind, wenn wir die Botschaft des Gottes des Himmels überbringen, die für die Seelen der Menschen von ewiger Bedeutung ist. Dass durch unser Verhalten die ganze Sache in unseren Händen fehlschlägt und Gott und sein Werk entehrt. Dass dadurch Sünder eher verstockt als bekehrt werden – und das alles wegen unserer Schwäche oder Nachlässigkeit. Wie oft haben fleischliche Zuhörer auf ihrem Heimweg über die offensichtlichen und entehrenden Unzulänglichkeiten des Predigers gespottet? Wie viele schlafen bei unseren Predigten, weil unsere Herzen und Zungen schläfrig sind und wir nicht genug Geschick und Eifer mitbringen, um sie zu wecken?“ Zitatende.
Kein König, kein Präsident, kein Politiker, kein Arzt, kein Anwalt, kein Richter, kein militärischer Befehlshaber auf Erden hat eine so überwältigend große Verantwortung wie derjenige, der die Schafe hütet, indem er Menschen aus dem Wort Gottes unterweist. Das zu entwerten ist ein beängstigender, furchtbarer Fehler.
Was ist die Verantwortung des Hirten gegenüber der Schafe? Es ist ganz einfach. Der Hirte hat die Verantwortung, unter ihnen zu arbeiten, Autorität über sie zu auszuüben, sie auf den Weg zu führen, den Gott vorgesehen hat, sie beständig mit der Wahrheit zu nähren, die sie vom Pfad der Sünde wegführt, hin zu einem heiligen Leben. Treue Hirten müssen dieser Verantwortung nachkommen.
Die Zeit für heute ist um, aber nächsten Sonntag ist deine Zeit gekommen. Lasst uns beten. Danke, Vater, für unseren gemeinsamen Morgen und dass deine Wahrheit wirkt. Mache uns zu treuen Hirten für diese lieben, kostbaren Schafe und erwecke in der kommenden Zeit noch mehr treue Hirten, Herr, damit deine Herde so wird, wie du sie haben willst. Wir danken dir, Herr, dass die Gemeinde wie die Arche Noah ist, … aber nicht wegen des Geruchs. Sie ist wie die Arche Noah, weil man hier Sicherheit und Schutz, Gemeinschaft und Bewahrung findet. Und der Geruch im Inneren ist viel erträglicher als der Tod draußen. Danke, dass du uns in deine Gemeinde aufgenommen hast. Mögen wir sie lieben, weil du sie geliebt und dein Leben für sie gegeben hast. Mögen wir sie so sehr lieben, dass wir treue Hirten und treue Schafe sind, bis Jesus kommt, in dessen Namen wir beten. Amen.
ENDE
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