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Wir schauen uns heute Römer 3 an und werden ab Vers 25 fortsetzen. In unserem gestrigen Abschnitt des Römerbriefs ging es darum, dass das Evangelium die Not eines jeden Sünders stillt. Indem Christus am Kreuz starb, bezahlte er das Lösegeld. So machte Christi Opfer dem Sünder die Gerechtigkeit Gottes durch Glauben zugänglich. Ich möchte noch etwas klarstellen, was ich gestern nicht erwähnt habe: Als Christus starb, wurde das Lösegeld an Gott gezahlt. Manche Menschen glauben, dass Jesus einen Preis an Satan zahlte. Aber das stimmt nicht. Er zahlte den Preis an Gott. Denn es ist nicht Satan, der Seele und Körper in der Hölle vernichtet, sondern es ist Gott. Gott ist der Richter. Er wurde angegriffen. Sein Gesetz wurde gebrochen. Daher richtet sich die Schuld des Sünders gegen Gott. Gottes Gerechtigkeit muss befriedigt werden. Christi Opfer wurde zum Lösegeld, das an Gott bezahlt wird, damit seine Gerechtigkeit befriedigt wird und die Gerechtigkeit Gottes vom Himmel auf den Sünder herabkommen kann.

Gleichzeitig weist Paulus in Römer 3 ab der Mitte von Vers 25 bis zum Ende des Kapitels darauf hin, dass auch Gott zufrieden gestellt ist. Wir wissen aus dem Neuen Testament, dass die Not des Sünders dadurch gestillt wird, dass Christus für Sünder gestorben ist. Aber was viele Menschen nicht bedenken, ist, dass Christus auch für Gott gestorben ist. Und dieses Thema ist so großartig wie unerschöpflich. Christus ist für Gott gestorben. Im ersten Kapitel des Römerbriefs legt Paulus zusammen mit den anderen Aposteln und Predigern des Evangeliums ein persönliches Zeugnis ab. Dort heißt es in Vers 5, dass sie „Gnade und Aposteldienst empfangen haben zum Glaubensgehorsam für seinen Namen unter allen Heiden“. Und der Schlüssel hier ist der Ausdruck „für seinen Namen“.

Letzten Endes geht es bei der Errettung neben der Herrlichkeit Gottes um die Ehre Gottes und seine Erhöhung. In 3. Johannes 7 sagt Johannes, dass die Evangelisten um seines Namens willen auszogen. Vielleicht hast du das noch nie bedacht, dass der Grund für deine Erlösung nicht dein eigener Vorteil ist, sondern die Herrlichkeit Gottes. Wir sind nur ein Mittel zum Zweck und nicht das eigentliche Endziel. Gott rettet Sünder nicht, weil sie so liebenswert sind. Er ist nicht überwältigt von bedingungsloser Liebe für elende Sünder. Sondern er ist überwältigt von seiner eigenen Herrlichkeit. Und darum schuf er mit der Errettung von Sündern ein Mittel zu seiner eigenen ewigen Verherrlichung vor den heiligen Engeln und allen Erlösten.

Am Ende von Römer 11 schließt Paulus seine große Abhandlung über die Erlösung ab. Beginnend mit Kapitel 1 hat Paulus in einer linearen, rationalen Beweisführung viele Argumente für das Wunder des Evangeliums vorgebracht. Und am Ende des Textes bricht er, wie so oft in seinen Briefen, in eine Doxologie, ein Loblied Gottes aus, indem er ausruft: „O welche Tiefe des Reichtums sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes!“ Er kann nicht anders, als Gott für seine Weisheit und seine Erkenntnis zu preisen, die sich in der Erlösung zeigt. „Wie unergründlich sind seine Gerichte, und wie unausforschlich seine Wege! Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“ Gott hat keine Ratgeber. „Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass es ihm wieder vergolten werde?“ Er hat auch keine Schuldner. Er ist niemandem etwas schuldig und erhält von niemandem Informationen. „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Ehre in Ewigkeit! Amen.“

Der ganze Zweck der Errettung ist, zur Ehre Gottes beizutragen. Als der Herr vor der Schöpfung im Rat der Ewigkeit eine trinitarische Versammlung einberief, verkündete der Vater dem Sohn seine Liebe. Und er sagte zu seinem Sohn: Ich will dir eine erlöste Menschheit schenken, weil ich dich liebe. Denn Liebe gibt, und göttliche Liebe gibt auf göttliche Weise, grenzenlos und unendlich. Deshalb beschloss der Vater als Ausdruck der Liebe zum Sohn, dass er eine Welt erschaffen würde, und dass er zulassen würde, dass diese Welt der Sünde verfällt. Aus dieser Welt würde er eine erlöste Menschheit zurückgewinnen, die er dann seinem Sohn zur Braut geben würde. So würde diese erlöste Menschheit seinen Sohn für immer und ewig verherrlichen.

Paulus sagt im 1. Korintherbrief, dass dies geschehen wird, wenn die erlöste Menschheit vollständig erfüllt ist. Laut 1. Korinther 15 wird der Sohn dann die erlöste Menschheit mit sich nehmen und zusammen mit sich in einem gegenseitigen Liebesakt dem Vater zurückgeben. Wir sind in einem gewissem Sinn nur das Nebenprodukt eines großen Akts der Liebe, der innerhalb der Trinität stattfindet. Denn alles, absolut alles dient letztlich der Ehre Gottes. Alles mündet in den Schlussakkord der Ehre Gottes, so dass die Doxologie am Ende von Kapitel 11 der Höhepunkt des Buches ist. Kapitel 12 beginnt dann mit den Worten „darum“. Ab hier geht es um konsequentes Verhalten im Licht einer so überaus herrlichen Erlösung.

Ganz allgemein kann gesagt werden, dass der ganze Zweck der Erlösung der Verherrlichung Gottes dient. Jesus sagt in Johannes 17 in seinem großen hohepriesterlichen Gebet: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden; ich habe das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tun soll. Und nun verherrliche du mich, Vater, bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.“ Es geht also im gesamten Erlösungsplan um die göttliche Herrlichkeit. Jeder Mensch, der sich jemals bekehrt hat, ist ein Liebesgeschenk des Vaters an den Sohn. In Johannes 6 sagt Jesus: „Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen; und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Das heißt, der Vater erwählt, der Vater gibt, der Sohn empfängt, der Sohn bewahrt, der Sohn erhöht. Und die verherrlichte Menschheit wird dann zu einem ewigen Halleluja-Chor, der Gott für immer und ewig lobt. Wir werden uns im Staunen, in der Liebe und im Lobpreis verlieren, wie es in einem alten Kirchenlied heißt.

Der große Missionar David Brainerd, ein Zeitgenosse und guter Freund von Jonathan Edwards, wirkte unter den amerikanischen Indianern und schrieb: „Ich gehe nicht in den Himmel, um aufzusteigen, sondern um Gott die Ehre zu geben. Es ist egal, wo ich im Himmel sein werde, es ist egal, ob ich dort einen höheren oder niedrigen Platz habe. Ich will nur leben und Gott gefallen und ihn verherrlichen. Mein Himmel ist, Gott zu gefallen, ihn zu verherrlichen und mich für immer ganz seiner Herrlichkeit zu widmen.“ Und als Brainerd starb, durfte er sehen, dass sich das erfüllte. Das ewige Ziel der Erlösung besteht darin, dass wir fähig sind, Gott für immer und ewig zu verherrlichen.

Wir hatten in der letzten Predigt darüber gesprochen, wie der Sünder durch das Opfer Christi zufrieden gestellt wird. Jetzt wollen wir darüber sprechen, wie Gott durch das Opfer Christi zufrieden gestellt wird und verherrlicht wird. Ich möchte euch aus diesem Text vier Punkte nennen, über die ihr nachdenken solltet. Dazu lese ich Römer 3 die Verse 25 bis zum Ende. „Ihn hat Gott zum Sühnopfer bestimmt, das wirksam wird durch den Glauben an sein Blut, um seine Gerechtigkeit zu erweisen, weil er die Sünden ungestraft ließ, die zuvor geschehen waren, als Gott Zurückhaltung übte, um seine Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit zu erweisen, damit er selbst gerecht sei und zugleich den rechtfertige, der aus dem Glauben an Jesus ist. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen! Durch welches Gesetz? Das der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens! So kommen wir nun zu dem Schluss, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes. Oder ist Gott nur der Gott der Juden und nicht auch der Heiden? Ja freilich, auch der Heiden! Denn es ist ja ein und derselbe Gott, der die Beschnittenen aus Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben rechtfertigt. Heben wir nun das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Vielmehr bestätigen wir das Gesetz.“ Wie also wird Gott durch den Tod Christi verherrlicht? Wie kann Christi Tod Gott zufriedenstellen? Und was sagt das über Gott aus?

Erstens: Der Tod Christi verkündet die Gerechtigkeit Gottes. In Bezug auf das Kreuz schwirrt seither folgende offene Frage in der Welt umher: Wie kann Gott Sündern vergeben? Wir verstehen seine Barmherzigkeit. Wir verstehen sein Erbarmen. Aber auf welcher Grundlage vergab Gott Sünden, z.B. Abraham? Wie konnte Gott göttliche Gerechtigkeit auf Abrahams Konto einzahlen, aufgrund seines Glaubens? Oder wie konnte Gott Noah und seine Familie für gerecht erklären und ihnen seine Gerechtigkeit zuteil werden lassen? Wie konnte er Henoch Gerechtigkeit bescheinigen, nur weil er mit Gott wandelte? Wie konnte er es für Elia tun, der in einem Wagen in den Himmel aufgefahren wurde? Wie konnte Gott jeden anderen Gläubigen im Alten Testament als gerecht erklären? Wie konnte Gott das tun, ohne ungerecht zu sein? Das war und ist die große Frage. Wie kann Gott Sündern vergeben und ihnen seine Gerechtigkeit zukommen lassen, ohne dass man ihm vorwerfen könnte, ungerecht zu sein?

Man könnte Gottes Gerechtigkeit in Frage stellen. Das war übrigens eines der Dinge, die die Pharisäer und die jüdischen Gesetzeshüter irritierten, die dem Apostel Paulus zuhörten. Sie konnten einfach die Tatsache nicht ertragen, dass Gott seine Gerechtigkeit durch den Glauben auf einen Sünder übertrug. Und sie würden auf das Alte Testament zurückverweisen und sagen, dass Gott sich selbst für heilig erklärt habe. Sie würden einwenden, dass er zu heilig sei, um Böses ansehen zu können und dass er Ungerechtigkeit nicht dulden könne. Und es stimmt: Wenn Gott im Alten Testament Ungerechtigkeit sah, richtete und bestrafte er sie. Im Gegensatz dazu hatten die Heiden launische, inkonsequente Götter. Diese Götter konnten angeblich durch religiöse Zeremonien, religiöse Gaben, Opfer und ein bestimmtes moralisches Verhalten besänftigt werden. Aber wie um alles in der Welt könnte man von dem unendlich heiligen Gott erwarten, dass er seine Gerechtigkeit auf einen Sünder übertragen würde, der einfach nur seine Schuld bekennt? Das Pharisäertum war die vorherrschende Form des Judentums. Als Pharisäer bot man Gott seine eigene Heiligkeit an. Ein Pharisäer fiel nicht vor Gott nieder und schlug sich an die Brust und rief: Erbarme dich meiner Sünde. Sondern er trat vor Gott wie der Pharisäer in Lukas 18 und sagte: Ich danke dir, dass ich nicht wie dieser Kerl bin. Ich gebe den Zehnten, ich bete, ich faste. Ich biete dir meine Gerechtigkeit an. So hatten sie das verstanden. Deshalb war es ihnen völlig unverständlich, wie Jesus mit Prostituierten, Kleinkriminellen, Steuereintreibern, Dieben und all dem Gesindel herumhängen konnte, das zu den gesellschaftlich Ausgestoßenen gehörte. Wie konnte er sich mit den aus der Synagoge ausgeschlossenen Juden abgeben, die wegen ihrer Sünden ihrer sozialen Identität beraubt worden waren? Wie um alles in der Welt konnte er sich bei denen wohlfühlen?

Ihm wurde vorgeworfen, ein Freund von Sündern, Trunkenbolden und bösen Menschen zu sein. Einmal kam bei einer Mahlzeit im Haus eines Pharisäers eine Frau in den offenen Hof herein und begann, Jesus mit ihrem Haar die Füße zu waschen. Es muss eine Frau von der Straße mit schlechtem Ruf gewesen sein. Wahrscheinlich kam sie vorbei, sah Jesus und wollte ihm ihre Liebe zeigen. Und der gastgebende Pharisäer war sehr empört, weil er dachte, wenn Jesus Gott wäre, wüsste er, was für eine Frau das war und würde ihr nicht erlauben, ihn zu berühren. Das entsprach ganz und gar nicht ihren Vorstellungen von der Gerechtigkeit Gottes. Aber dann kam Jesus und verkündete das Evangelium und sagte: Ich biete euch Vergebung an. Und er vergab Sünden. Erinnert euch an den Mann, der durch das Dach hinuntergelassen wurde. Auch dort sagte er: „Deine Sünden sind dir vergeben“. Das haute sie einfach um. Denn ihre Theologie besagte, dass der Mann diese Krankheit hatte, weil er ein Sünder war – wie der blind geborene Mann in Johannes 9. Wie konnte Jesus also einfach erklären, dass seine Sünden vergeben seien? Für sie war das ein Angriff auf die reine Gerechtigkeit Gottes.

Die grundsätzliche Frage lautet also wie folgt. Gott hatte während der gesamten Menschheitsgeschichte Sünde geduldet. Das konnten sie nicht leugnen. Sie wussten in ihrem eigenen Herzen, dass er auch ihre Sünden duldete, denn auch sie atmeten immer noch. Außerdem schienen viele ungerechte Menschen Erfolg zu haben. In der Tat war die religiöse Führung Israels durchweg ungerecht. Gott hatte also während der gesamten Menschheitsgeschichte über die Sünden der Menschen hinweggesehen. Wie konnte er das tun? Auf welcher Grundlage konnte er in der Vergangenheit Abraham oder Mose vergeben? Es war nur möglich durch das Kreuz. Denn mit dem Kreuz und dem Blut Christi kam die Zudeckung der Sünden und die Versöhnung. Damit bewies er seine Gerechtigkeit. Denn weil er langmütig war, hatte Gott über die zuvor begangenen Sünden hinweggesehen, obwohl es in der Vergangenheit nie eine gerechte Strafe für all die vergebenen Sünden gegeben hatte. Auch die Tieropfer konnten keine Sünde sühnen. Die Tieropfer wiesen nur darauf hin, dass eine Sühnung für Sünde notwendig ist. Aber kein Tieropfer hatte jemals Sünde gesühnt. Deshalb mussten Opfer immer und immer wieder dargebracht werden, jeden Morgen, jeden Abend, fortwährend. Wie kann man also Gottes geduldige Langmut und Toleranz mit Sünden erklären, die vor Christus begangen wurden? Wie ist Vergebung im Alten Testament zu verstehen?

Während der gesamten sündigen Geschichte der Menschheit hatte Gott über ihre Sünden hinweggesehen, ihnen vergeben und sich ihrer erbarmt. Wenn sie Buße taten und zu ihm kamen, heißt es in Apostelgeschichte 17,30: „hat (...) Gott über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen“. Er griff nicht aktiv ein und er führte auch nicht die erforderliche Bestrafung herbei. Wie konnte Gott das tun und trotzdem heilig sein? Tatsächlich beschuldigten die Juden Gott zur Zeit Maleachis und sagten: „Jeder, der Böses tut, der ist gut in den Augen des Herrn, und an solchen hat er Wohlgefallen — oder wo ist der Gott des Gerichts?“ Wisst ihr, diese Gesetzeshüter hassen Gnade. Deshalb wurde in der Geschichte vom verlorenen Sohn der ältere Bruder wütend, als der Vater dem jüngeren Bruder vergab. Er war ein Gesetzeshüter und Gesetzeshüter hassen Gnade. Sie hassen Mitgefühl. Sie hassen Barmherzigkeit. Sie hassen Vergebung. Deshalb wurde er wütend. Und deshalb sagten sie in der Zeit Maleachis tatsächlich: „Jeder, der Böses tut, ist gut in den Augen des Herrn.“ Denn sie konnten sehen, wie Gott Vergebung gewährte und sich daran erfreute, denen zu vergeben, die Böses taten. Deshalb fragten sie sich: Wo ist der Gott der Gerechtigkeit?

Wenn man also in einem gesetzlichen Umfeld Gnade predigt, wird das auf Ablehnung stoßen. Das war der Fall, als Jesus Gnade predigte und auch als Paulus Gnade predigte. Hör was in Psalm 78,38 steht: „Er aber war barmherzig und vergab die Schuld und vertilgte sie nicht; und oftmals wandte er seinen Zorn ab und erweckte nicht seinen ganzen Grimm.“ Erinnert ihr euch an die Worte des Propheten Micha in Micha 7? „Wer ist ein Gott wie du, der die Sünde vergibt?“ Wer ist ein Gott wie du, der vergibt? Micha sagt: Wer hat schon von einer solchen Gottheit gehört? In keiner Religion der Weltgeschichte findet man einen Gott, der barmherzig und mitfühlend vergibt. Bei allen Göttern geht es um Zorn und Vergeltung, um Gericht und Rache. Wer ist ein Gott wie du, der vergibt? Ich habe noch nie von so jemandem gehört. Deshalb zieht sich eine Frage durch die ganze Geschichte hindurch, die auch hier in Vers 26 gestellt wird: Wie kann Gott gerecht sein und die Sünder rechtfertigen, die an Jesus Christus glauben? Wie kann Gott gerecht und zugleich der Rechtfertiger sein? Das ist ein Dilemma. Wie kann Gott gnädig und barmherzig und gleichzeitig heilig und gerecht sein? Das wäre doch billige Vergebung und jeder weiß, dass billige Vergebung ein moralisches Übel ist. Wenn ein Richter einen erwiesenermaßen schuldigen Verbrecher für unschuldig erklärt, ist er ungerecht. Er wird nicht lange Richter bleiben, wenn er den Verbrecher einfach aus Mitleid freilässt. Denn die Aufgabe des Richters ist es, das Gesetz aufrechtzuerhalten.

Im Alten Testament liegt also ein dicker Schleier über der Gerechtigkeit Gottes. Er ist bekannt als ein Gott des Mitgefühls. So sagt er z.B. in 2. Mose 33: „Ich will mein Erbarmen und meine Barmherzigkeit an dir vorüberziehen lassen.“ Die Schrift sagt, dass seine Barmherzigkeit Tausenden und Abertausenden zuteilwird. Wie kann er das tun und dabei gerecht sein? Der Tod Christi beantwortet diese Frage. Der Tod Christi ist das, was auf die Gerechtigkeit und das Recht Gottes hinweist. Jemand musste sterben.

Ich formuliere es oft auf diese Weise: Jede Sünde, die jemals von einem Menschen begangen wurde, der jemals gelebt hat, wird bezahlt werden. Keine Sünde wird ungestraft bleiben. Für jede Sünde wird bezahlt werden. Entweder wird der Sünder im ewigen Gericht dafür bezahlen und niemals in der Lage sein, seine Strafe vollständig zu begleichen, oder sie wurde durch das Opfer Jesu Christi vollständig beglichen. Aber für jede Sünde wird bezahlt werden. Gott ist Barmherzigkeit so verpflichtet, dass er vergibt. Aber er ist auch Gerechtigkeit so verpflichtet, dass er verlangt, seinen Sohn als das perfekte Opfer ans Kreuz zu hängen.

Paulus blickte also in die Vergangenheit und stellte klar: Das Kreuz reicht zurück, um Sünde zu bedecken. Die Menschen des Alten Testaments wurden also gerettet, weil sie an den wahren und lebendigen Gott glaubten. Sie wurden unter der Last des Gesetzes erdrückt und der Unfähigkeit, es zu halten. Sie wussten, dass sie sündig waren und hatten keinerlei Vertrauen in ihre eigenen Werke. Sie baten Gott um Barmherzigkeit und Vergebung, um Gnade und Erbarmen. Und er gab sie ihnen auf der Grundlage des zukünftigen Opfers, das noch nicht dargebracht worden war. Aber denkt daran, dass Christus zugleich das Lamm ist, das seit Anbeginn der Welt geschlachtet wurde. Denn in der Ordnung des ewigen Gottes gibt es keine Zeit. Das Opfer Christi reicht deshalb sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft.

Die Weisheit der Menschen hätte das Dilemma niemals lösen können, wie Gott einen Sünder für gerecht erklären kann. Deswegen heißt es in Römer 3,26: „Um seine Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit zu erweisen“. Die „jetzige Zeit“ meint die Zeit des Neuen Testaments. Gott hatte es in der Vergangenheit verborgen, aber jetzt in der Gegenwart wird es offenbart. Deshalb nennt Paulus das Evangelium auch ein Geheimnis, mustērion. Es war etwas, das man nicht begreifen konnte. In der paulinischen Sprache war das Geheimnis etwas Verborgenes, das nun offenbart wird. Wenn wir nun also das Kreuz betrachten, sehen wir dort, dass Gott als heilig und gerecht gerechtfertigt wird. Gott wird als Gerechter gerechtfertigt. Deshalb war das Kreuz auch für Gott notwendig, um seine Gerechtigkeit zu zeigen. Und es geschah zur gegebenen Zeit, damit er gerecht sei und denjenigen rechtfertigen kann, der an Jesus glaubt. Die Erlösung, die durch Christus am Kreuz vollbracht wurde, ist also zugleich die Bereitstellung und das Mittel der Erlösung. Es ist die Versöhnung, das Opfer, die Zudeckung der Sünden für Gott, so dass Gott niemals beschuldigt werden kann, ungerecht zu sein.

Wie kann Gott der Ungerechtigkeit angeklagt werden, wenn er sogar so weit ging, dass er seinen eigenen geliebten Sohn hinrichtet? Und jeder, der das alttestamentliche Opfersystem aus 3. Mose 1 verstanden hatte, hätte das voraussehen können. Denn die buchstäblich Millionen Tieropfer demonstrieren, dass ein endgültiges Opfer durch einen sündlosen Stellvertreter notwendig war. Das Kreuz stellte schließlich die Gerechtigkeit Gottes zur Schau, indem es zeigte, dass Gott nicht über die Sünde hinwegsehen konnte und auch nicht auf das gerechte Urteil für Sünde verzichten konnte. Darüber werden wir bei den morgigen Vorträgen noch mehr sprechen.

Das Kreuz verherrlicht Gott auch noch auf eine zweite Art und Weise. Denn das Kreuz verherrlicht Gott nicht nur in Bezug auf seine Gerechtigkeit, sondern es demonstriert auch seine Gnade. In den Versen 27 und 28 heißt es: „Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen! Durch welches Gesetz? Das der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens! So kommen wir nun zu dem Schluss, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes.“ Hier ist kein Platz für Prahlerei, Ruhm oder Eigenlob. Nur Gott kann so etwas bereitstellen. Um das Evangelium zu verstehen, ist es grundlegend wichtig, dass derjenige, der beleidigt wurde, die Bedingungen festlegen muss, um die Beleidigung zu beseitigen. Und das ist Gott. Er ist derjenige, der beleidigt wurde und derjenige, der die Mittel schuf, mit denen das Vergehen beseitigt werden kann. Gott ist derjenige, der die Welt verfluchte und uns zu Sündern erklärte, denn es war sein Gesetz, das übertreten und sein Name, dem gelästert worden war. Darum ist es auch Gott, der die Mittel bestimmt, mit denen das rückgängig gemacht, ausgelöscht und beseitigt werden kann. Er dachte sich den Plan aus, und verwirklichte ihn durch den Glauben. Denn der Glaube ist das Mittel, durch das wir unabhängig von Gesetzeswerken gerechtfertigt werden. Dies ist ein Akt reiner Gnade.

Darüber sprachen wir bereits bei der ersten Hälfte des Verses. Aber es ist genauso wichtig, die Sache aus Gottes Sicht zu betrachten. Es geht nicht nur darum, wie wunderbar Gnade für uns ist, weil sie unsere Not stillt. Sondern es geht ebenso darum, wie wunderbar es ist, zu verstehen, dass Gott ein Gott großer Gnade ist. Gottes Gnade zeigt sich am Kreuz in einem solchen Ausmaß, dass er seinen eigenen Sohn dort hingibt.

Wisst ihr noch, am Ende des Markusevangeliums nahmen wir die Qualen des Herrn Jesus in der Passionswoche durch. Wir durchlebten alle Aspekte des Kreuzes noch einmal. Mein Herz war zutiefst bewegt von dem Opfer des Herrn Jesus Christus und was für eine schreckliche Angelegenheit es war. Im Garten war der Druck, die Sünde zu tragen, bestraft zu werden und vom Vater entfremdet zu sein, so massiv, dass es sich buchstäblich an seinem Körper zeigte. Seine Blutgefäße zerfielen und Blut kam aus seinen Schweißdrüsen. Und dann betete er dieses Gebet: „Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen“. Manche Leute verstehen das als einen Moment der Schwäche. Aber das war es nicht. „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“ ist der einzig angemessene Kommentar für jemanden, der Sünde noch nie gekannt hat. Wenn er das nicht sagen würde, würden wir denken, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Es war kein Moment der Schwäche, sondern Sünde war ihm so fremd, dass es für ihn unvorstellbar war. Es zeigt etwas von seinem Schrecken. Und ich bin überzeugt, dass es in den drei Stunden der Dunkelheit von Mittag bis 3 Uhr war, dass er vollständig die Sünden aller trug, die jemals glauben werden.

Wie konnte Jesus in drei Stunden die volle Strafe von Millionen Seelen tragen, die sie selber in einer Ewigkeit in der Hölle nicht tragen können? Die Antwort lautet, dass Jesus unendliche Kraft hatte, das Gericht Gottes zu tragen, weil er selbst eine unendliche Person ist. Die Gnade, die hier sichtbar wird, ist schlicht und einfach überwältigend. Das erinnert mich natürlich an das von mir geschriebene Buch The Tale of Two Sons (auf Deutsch: Die Geschichte von den zwei Söhnen), und die Predigtreihe, in der der Vater dem dreckigen Sünder entgegenläuft und ihn umarmt. Dabei lässt er sich auf eine Art und Weise herab, die einfach unglaublich ist.

Wenn ihr also das Kreuz betrachtet, seht ihr nicht nur, wie es die Not des Menschen stillt, sondern auch, wie es Gott zufrieden stellt und seine Gerechtigkeit zur Schau stellt. Und die Tatsache, dass er diese Gerechtigkeit durch den Glauben bereitstellt, und nicht durch das Gesetz oder durch Werke, zeigt seine Gnade.

Drittens offenbart das Kreuz die Beständigkeit Gottes. In Vers 28 heißt es: „So kommen wir nun zu dem Schluss, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes“, und dann geht Paulus in Vers 29 noch einen Schritt weiter: „Oder ist Gott nur der Gott der Juden und nicht auch der Heiden? Ja freilich, auch der Heiden! Denn es ist ja ein und derselbe Gott, der die Beschnittenen aus Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben rechtfertigt.“ Gibt es also doch zwei Wege der Errettung? Gibt es einen jüdischen Weg und einen Weg der Heiden? Man könnte dies so missverstehen, dass die Juden durch das Gesetz und die Heiden durch den Glauben gerechtfertigt wurden. Und wenn du aus einem Hintergrund kommst, wo traditionell Dispensationen gelehrt wurden, wurde dir das vielleicht auch so beigebracht. Aber Vers 29 stellt lediglich fest, dass Gott der Gott aller Menschen ist, sowohl der Juden als auch der Heiden. So, wie es in Jesaja 54,5 heißt: „Er wird Gott der ganzen Erde genannt“. Oder in Jeremia 16,19: „Zu dir werden die Heidenvölker kommen von den Enden der Erde“. Die Trennmauer würde eingerissen werden und in Christus würde es weder Jude noch Heide geben. Das wissen wir alles: Gott ist der Gott von allen Menschen. Er ist der einzige Gott. Auch Paulus sagt: „Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt“, für die Juden und auch für die Heiden.

Deshalb heißt es in Vers 30: „Denn es ist ja ein und derselbe Gott, der die Beschnittenen aus Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben rechtfertigt.“ Wir sehen, dass das, was in der Mitte des Satzes steht, diesen einfach nur näher bestimmt. Gott ist einer. Das bedeutet, dass er der Gott aller ist. Es gibt keinen anderen Gott. Das ist Monotheismus, wie wir ihn aus 5. Mose 6,4 kennen, wo es heißt: „Der Herr, unser Gott, ist einer“. Er wird alle Menschen aus Gnade durch Glauben retten und jeden rechtfertigen, der glaubt. Egal, ob es sich um einen Juden oder Heiden handelt, Gott rettet Menschen durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch auf dieselbe Weise. Ich weiß nicht, was du über die sogenannten „Dispensationen“ denkst. Aber wenn du diesbezüglich in der Vergangenheit feststeckst, musst du verstehen, dass Gott in allen Epochen der Menschheitsgeschichte die Menschen auf eine einzige Weise gerettet hat. Er rettete sie aus Gnade durch den Glauben und immer getrennt von Werken. Es war immer ein Akt der Gnade. Gott überschreibt seine Gerechtigkeit auf das Konto eines Sünders, obwohl er es nicht verdient hat: es ist ein Geschenk der Gnade.

Bevor Israel überhaupt zu Israel erklärt wurde, lesen wir, dass Noah in den Augen des Herrn Gnade fand, ebenso wie Mose. Abraham erlangte durch den Glauben Errettung aus Gnade. Errettung geschah schon immer auf diese Art und Weise, und man kann Gott nicht zur Last legen, dass er davon abweichen würde. Denn er sagt über sich selbst: Ich, der Herr, ich verändere mich nicht. Gottes Unveränderlichkeit zeigt sich in allen seinen Handlungen.

Ich komme zum vierten und letzten Punkt. Wir haben gesehen, dass das Kreuz Gott zufriedenstellt. Christus starb für Gott in dem Sinne, dass das Kreuz Gottes Gerechtigkeit, Gottes Gnade und Gottes Beständigkeit erklärt. Nun sehen wir zum Schluss, dass das Kreuz Gottes Gesetz bestätigt. Oft hört man die Aussage: Gott liebt dich bedingungslos. Das stimmt nicht. Es wäre so, wie wenn Gott sagen würde: Weißt du was? Du tust mir so leid. Ich vergebe dir einfach. Die heutige Vorstellung vom Evangelium besagt oftmals: du musst nur ein kurzes Übergabe-Gebet sprechen, und schon ist alles erledigt. Aber was ist mit dem Gesetz Gottes? Die Bibel sagt, dass du stirbst, wenn du das Gesetz Gottes brichst, denn „der Lohn der Sünde ist der Tod“. Oder: „Die Seele, welche sündigt, die soll sterben!“ Galater 3 sagt ganz deutlich, dass jeder verflucht ist, der das Gesetz bricht. Gleichzeitig wissen wir jedoch, dass Gott aus Gnade denen vergibt, die glauben und seine Gerechtigkeit anlegen. Deshalb fragt Paulus in Römer 3,31: „Heben wir nun das Gesetz auf?“ Was ist mit der Anforderung des Gesetzes und einer gerechten Strafe? „Heben wir nun das Gesetz auf? Das sei ferne! Vielmehr bestätigen wir das Gesetz.“ Wir bestätigen das Gesetz.

Wenn man das Evangelium betrachtet, versteht man, dass man Gottes Gesetz nicht brechen kann, ohne heiliges Gericht auf sich zu ziehen. Und das fällt entweder auf dich oder auf Christus. Der Verfasser eines Kirchenliedes sagte vor vielen Jahren: „Oh, welch ein Retter ist mein. In ihm fließt Gottes Erbarmen zusammen.“ Ich liebe es, das Kreuz aus der Sicht des Sünders zu betrachten. Aber ich glaube, ich betrachte das Kreuz viel lieber aus der Sicht Gottes. Das Kreuz Christi stellt die Gerechtigkeit Gottes zur Schau. Das Kreuz stellt die Gnade Gottes, die Beständigkeit Gottes und die Heiligkeit des Gesetzes Gottes zur Schau. Das ist die Herrlichkeit und die Schönheit des Evangeliums. Deshalb ist das Evangelium des Paulus so wunderschön und überwältigend. Und es erzeugt eine Reaktion, die alles andere als oberflächlich ist, nicht wahr? Als ihr gestern Abend der Musik und dem Gesang zugehört habt, habt ihr festgestellt, dass es dabei nicht um uns persönlich ging, nicht wahr? Da war nichts Selbstbezogenes. Sondern wir lobten Gott auf die erhabenste und lauteste Weise, die uns möglich war. Denn Gott verdient alles Lob für diese Rettung.

Vater, wir danken dir für dein Wort, das heute Morgen so erfrischend war. Wir wollen dich ehren, wir beten dich an, wir lieben dich und wir preisen dich. Danke für all deine guten Gaben an uns. Schenke uns weiterhin einen wunderbaren Tag. Wir beten im Namen Jesu. Amen.

ENDE

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