Heute möchte ich zu der Frage zurückkehren, wie wir die göttliche Souveränität und die menschliche Verantwortung vereinen können mit unserer Pflicht, zu evangelisieren. In den letzten Tagen lernten wir, dass wir Botschafter für Christus sind und dass uns der Dienst der Versöhnung übertragen wurde. Das Wort der Versöhnung, das uns gegeben wurde, ist die Botschaft eines versöhnenden Gottes, der einen Weg für Sünder geschaffen hat, um sie mit sich selbst zu versöhnen. Wir werden von der Liebe Christi zu uns geleitet, gedrängt, motiviert und beherrscht. Diese Liebe gilt all denen, für die er gestorben ist. Als solche, die den Schrecken des Herrn, das göttliche Gericht und die ewige Hölle verstehen, sollen wir in die ganze Welt hinausgehen und jeder Kreatur das Evangelium verkünden. Paulus sagt in 2. Korinther 5,11, dass wir in diesem Bewusstsein Menschen „zu überzeugen“ suchen. Wir wissen also um unsere Pflicht, unserer evangelistischen Verantwortung treu zu sein.
Gleichzeitig kämpfen wir manchmal mit der Wirklichkeit der göttlichen Souveränität. Wir fragen uns, was wir überhaupt tun können, wenn doch alles von Gott vorherbestimmt ist und vom Heiligen Geist gewirkt wird. Die einfache Antwort auf diese Frage ist, dass Gott nicht nur bestimmt hat, wen er retten wird, sondern auch, wie er die Seinen retten wird. Denn durch unsere treue Evangelisation sollen wir das Mittel sein, durch das er die Seinen rettet. Sein Ziel mit uns bei der Erfüllung seines souveränen Plans ist es, dass wir ihm nützlich sind. Wir sollen ein Werkzeug sein, das er gebrauchen kann, ein Gefäß zu seiner Ehre, geeignet für den Gebrauch des Meisters. Auf diese Weise gehorsam zu sein bringt natürlich Segen und Lohn sowohl in diesem Leben als auch ewigen Lohn.
Das Hauptproblem derer, die die Bibel studieren, entsteht beim Versuch, die göttliche Souveränität und menschliche Verantwortung miteinander in Einklang zu bringen. Aber die Bibel gibt uns nicht wirklich eine Lösung dafür. Dieses Problem geht über unseren Verstand hinaus. Deshalb war meine Antwort darauf über die Jahre hinweg einfach die, das Problem als Solches zu verdeutlichen. Es handelt sich um eine erhabene Wahrheit, die in den Gedanken Gottes perfekt stimmig ist, aber für uns Menschen ein Dilemma darstellt. Unsere Aufgabe ist, Gott einerseits die Ehre für die Erlösung zu geben und andererseits unser Leben dafür einzusetzen, Sünder im Dienst der Versöhnung zur Umkehr zu rufen. Eine großartige Illustration davon, wie diese beiden Dinge einander gegenübergestellt werden, finden wir im neunten, zehnten und elften Kapitel des Römerbriefs. (Ich wurde in dieser Woche schon genug dafür verspottet, dass ich immer nur ein paar Verse behandelt habe. Mal sehen, ob wir es schaffen, drei Kapitel in 45 Minuten abzuhandeln.)
Und wie Jonathan schon sagte: Eines der Dinge, die ich gerne tue, ist, euch einfach aufzuzeigen, was die Bibel sagt. Die Schrift legt sich gewissermaßen selbst aus. Sie ist die beste Erklärung für sich selbst, und manchmal genügt es, sie mit Bedacht zu lesen, um sie zu verstehen. Das werden wir auch in diesem Text sehen. Wir haben heute nicht viel Zeit, um uns mit einzelnen Versen und Details zu beschäftigen, sondern wollen nur das große Ganze betrachten.
In den Kapiteln 9 bis 11 legt der Apostel Paulus sein Herz offen in Bezug auf die Anwendung des Evangeliums. Es geht ihm darum, wie das Evangelium auf Sünder hin angewandt wird, vor allem auf diejenigen, die ihm am nächsten sind, nämlich die Juden. Versteht Paulus das Evangelium? Auf jeden Fall. Ist er sich seiner Verantwortung bewusst? Auf jeden Fall. Versteht er, dass es ein souveränes Werk Gottes ist? Auch das hat er sehr deutlich für uns herausgearbeitet. Versteht er, dass Sünder verantwortlich sind und umkehren und glauben müssen? Ja, er versteht es.
Mit seinem Blick auf das Evangelium in Römer 1 bis 8 enthüllte Paulus vollkommen, wie er das Evangelium versteht. In Kapitel 9 bringt er nun eine Anwendung, mit der wir unsere Konferenz über das Evangelium nach Paulus sehr gut abschließen können. Wir werden es am Sonntagmorgen noch einmal aufgreifen, aber für jetzt ist es eine gute Gelegenheit, um abzuschließen. Es geht hier um Paulus’ Anliegen, wie dieses herrliche, versöhnende und souveräne Evangelium angewendet werden soll.
In Kapitel 9,1 schreibt er: „Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist“. Damit sagt uns Paulus, dass wir sein Motiv, seine Leidenschaft und Integrität nicht in Frage stellen dürfen. Bei diesem Abschnitt der Schrift blutet ihm das Herz. Er setzt sich leidenschaftlich für die Rettung von Sündern ein und möchte, dass jeder die Wahrheit und Echtheit dieser Leidenschaft versteht. Da ist keine Arglist. Sein Gewissen in dieser Frage ist durch den Heiligen Geist rein, und er möchte, dass wir wissen, dass er „große Traurigkeit und unablässigen Schmerz“ in seinem Herzen hat.
Heutzutage gibt es eine Menge Leute, die sich der reformierten Theologie verschrieben haben, aber nicht den Eindruck vermitteln, diese Einstellung zu haben. Wo ist ihre Traurigkeit? Wo ist ihre Qual? Wo bleibt der unablässige Schmerz über den verlorenen Zustand der Menschen? Man kann so zuversichtlich und zufrieden sein mit der Lehre der Souveränität, dass diese Leidenschaft des Herzens völlig verlorengeht. Bei Paulus ist diese Leidenschaft so stark, dass er in Vers 3 schreibt: „Ich wünschte nämlich, selber von Christus verbannt zu sein für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch“.
Ich glaube nicht, dass ich jemals zu Gott gesagt habe, ich möge verdammt sein, wenn ich durch meine Verdammung jemand anderen retten könnte. Oder: Schick mich in die Hölle, wenn dadurch jemand anderes in den Himmel kommt. Doch genau diese Leidenschaft beherrscht Paulus’ Leben so sehr, dass er sogar die Möglichkeit in Betracht zieht, sich selbst in die Verdammnis zu wünschen, wenn das den Menschen, die ihn so traurig machen, irgendwie Erlösung bringen könnte. Es gibt wohl niemanden, der die Lehre der göttlichen Souveränität besser verstanden hat als der Apostel Paulus. Und gleichzeitig hatte er diese tiefe Leidenschaft für die Verlorenen, wie sie insbesondere in Vers 3 sichtbar wird: „Meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Sohnschaft und die Herrlichkeit und die Bündnisse gehören und die Gesetzgebung und der Gottesdienst und die Verheißungen; ihnen gehören auch die Väter an, und von ihnen stammt dem Fleisch nach der Christus, der über alle ist, hochgelobter Gott in Ewigkeit. Amen!“
Er nennt nur den Namen Christus und bricht unwillkürlich in eine Doxologie, d. h. in einen Lobpreis aus: „Der über alle ist, hochgelobter Gott in Ewigkeit. Amen!“ Paulus ist ein Mann, der Schmerz und unaufhörlichen Kummer kennt über den verlorenen Zustand der Menschen, die er liebt.
Schaut euch Kapitel 10 Vers 1 an. „Brüder, der Wunsch meines Herzens und mein Flehen zu Gott für Israel ist, dass sie gerettet werden.“ Man könnte Paulus die Frage stellen: Wenn es schon vorherbestimmt ist, wer gerettet wird, warum betest du dann? Und er würde antworten: Meine Gebete sind durch meine Leidenschaft motiviert. Ich sorge mich, ich bin zutiefst belastet und betrübt. Außerdem weiß ich, dass ich dazu aufgerufen bin und mir sogar geboten wurde, zu beten. Deshalb sagte Paulus auch zu Timotheus, er solle für alle Menschen um ihre Errettung beten. Paulus war so leidenschaftlich in Bezug auf die Rettung von Sündern, dass er alles, was er in diesem Leben besaß, dafür einsetzte. Das betraf sowohl sein öffentliches Wirken als auch seine private, inständige Fürbitte für sie. Sein Flehen zu Gott bezog sich auf ihre Errettung.
Schaut euch Kapitel 11 Vers 1 an: „Ich frage nun: Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Das sei ferne!“ Das ist Mēgenoito, die stärkste Verneinung in der griechischen Sprache. Nein, nein, nein, nein, nein. Damit sagt er: Es tut mir leid um den Zustand meines Volkes. Ich bete für ihre Rettung und weiß, dass Gott sie nicht endgültig verworfen hat. Paulus zeigt uns hier die ganze Bandbreite der notwendigen Herzenshaltungen für einen effektiven Evangelisten. Der Zustand der Verlorenen muss einem leid tun. Man muss sich ihre Rettung so sehr wünschen, dass man für sie betet. Und man muss Gott glauben, dass er für einige von ihnen Rettung im Sinn hat.
In diesen drei Kapiteln, Römer 9, 10 und 11, offenbart Paulus die Leidenschaft, die ihn bewegte. Es war die Leidenschaft für die Rettung von Sündern. Und wir wissen, dass dies sowohl Juden als auch Heiden betraf. Denn obwohl er diesen besonderen Wunsch für die Juden hatte, war er der Apostel der Heiden. Im Laufe dieser Kapitel werden vier wesentliche Komponenten, vier Wahrheiten in Bezug auf Evangelisation aufgedeckt. Sie sind alle notwendig und doch sind sie scheinbar paradox und unbequem. Gehen wir also eine nach der anderen an.
Kapitel 9 betont die göttliche Souveränität. Kapitel 9 betont die göttliche Souveränität. Es geht weiter in Vers 6 mit der Tatsache, dass Israel nicht glaubte, sondern Christus verwarf und nicht errettet ist. Paulus schreibt: „Nicht aber, dass das Wort Gottes nun hinfällig wäre! Denn nicht alle, die von Israel abstammen, sind Israel“. Das bedeutet, dass Gott nie beabsichtigte, dass alle Juden gerettet würden. Vers 7 belegt die göttliche Souveränität: „Auch sind nicht alle, weil sie Abrahams Same sind, Kinder, sondern ‚in Isaak soll dir ein Same berufen werden‘. Das heißt: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Same gerechnet. Denn das ist ein Wort der Verheißung: ‚Um diese Zeit will ich kommen, und Sarah soll einen Sohn haben‘. Und nicht allein dies, sondern auch, als Rebekka von ein und demselben, von unserem Vater Isaak, schwanger war, als die Kinder noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten — damit der gemäß der Auserwählung gefasste Vorsatz Gottes bestehen bleibe, nicht aufgrund von Werken, sondern aufgrund des Berufenden —, wurde zu ihr gesagt: ‚Der Ältere wird dem Jüngeren dienen‘; wie auch geschrieben steht: ‚Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst‘.“
Die ersten fünf Verse könnten den Eindruck erwecken, dass alles schief gelaufen war. Man könnte meinen, dass Gott von Anfang an vorhatte, alle Juden zu retten, und der Plan sei gescheitert. Aber Paulus macht deutlich, dass der Unglaube Israels mit Gottes souveräner Absicht und Verheißung vollkommen vereinbar ist. Gottes Versprechen ist nicht gescheitert. Gottes Macht hat nicht versagt. Von Anfang an hatte Gott Entscheidungen getroffen, wie wir schon vor der Geburt von Jakob und Esau sehen können.
In Vers 14 geht Paulus davon aus, dass unmittelbare Kritik folgen würde und entgegnet dieser: „Was wollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne!“ Es scheint uns unfair zu sein. Es ist nicht fair, dass Gott auserwählt. Es ist nicht gerecht. Sagen wir also, dass Ungerechtigkeit herrscht? Nein, auf gar keinen Fall, denn in Psalm 119 heißt es über Gott: „Deine Gerechtigkeit ist eine ewige Gerechtigkeit, und dein Gesetz ist Wahrheit.“ In Psalm 7,10 heißt es: „Du gerechter Gott“. Du bist der gerechte Gott. Gott definiert Gerechtigkeit.
Vers 15 zeigt Gottes souveräne Antwort: „Denn zu Mose spricht er: ‚Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und über wen ich mich erbarme, über den erbarme ich mich‘.“ Es kommt also nicht auf den Menschen an, der bereit ist, oder auf den Menschen, der umkehrt, sondern auf Gott, der sich erbarmt. „Denn die Schrift sagt zum Pharao: ‚Eben dazu habe ich dich aufstehen lassen, dass ich an dir meine Macht erweise, und dass mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde‘. So erbarmt er sich nun, über wen er will, und verstockt, wen er will.“ Deutlicher kann man es nicht sagen, dass es Gott ist, der Entscheidungen trifft. Du fragst dich, ob das fair ist? Aber wenn es um Fairness ginge, würden alle in die Hölle geschickt werden. Ich glaube nicht, dass du Fairness willst. Paulus’ Verständnis von der Souveränität Gottes ist also in keiner Weise mehrdeutig.
In Vers 19 wird dann ein weiterer Vorwurf dagegen erhoben: „Nun wirst du mich fragen: Warum tadelt er dann noch? Denn wer kann seinem Willen widerstehen?“ Wie in aller Welt kannst du mir die Schuld für meinen Unglauben geben, wenn doch alles von Gott entschieden wird? Und die Antwort darauf steht in Vers 20: „Ja, o Mensch, wer bist denn du, dass du mit Gott rechten willst?“ Mach deinen Mund zu und stell die Gerechtigkeit Gottes nicht in Frage. „Spricht auch das Gebilde zu dem, der es geformt hat: Warum hast du mich so gemacht? Oder hat nicht der Töpfer Macht über den Ton, aus derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre, das andere zur Unehre zu machen?“
Kann der Töpfer nicht tun, was er will? Ist Gott nicht absolut souverän? Warum hinterfragst du ihn? In Vers 22 heißt es sogar: „Wenn nun“. Das ist, als würde man sagen: Na und? Was hat das mit dir zu tun? Warum denkst du, dich einmischen zu müssen, wenn Gott mit viel Geduld Gefäße des Zorns erträgt, die zum Verderben bereitet sind? Und das, obwohl er bereit ist, seinen Zorn zu zeigen und seine Gerichtsmacht bekannt zu machen. Er tut es, „damit er auch den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit erzeige, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat“. Du hast nicht das Recht, Gott zu sagen, was er tun kann und was nicht. Was wäre, wenn Gott bereit wäre, seinen Zorn zu zeigen? Hat er nicht das Recht, seinen Zorn und seine heilige Gerechtigkeit zur Schau zu stellen?
In dieser Aussage: der „mit großer Langmut die Gefäße des Zorns getragen hat“, wird das Verb auf eine interessante Weise verwendet. Denn es ist passiv. Er hat die getragen, „die zum Verderben zugerichtet sind“. Gott ist nicht der aktiv Handelnde, sondern das Verb ist passiv. Es geht hier nicht um doppelte Prädestination. Sie sind wegen ihrer Sünde zum Verderben zugerichtet. Der Akteur wird hier nicht genannt. Es gibt kein Subjekt für das passive Verb, aber offensichtlich ist es die Person selbst, die hier handelt, bzw. die Sünde, die der Person innewohnt. Es ist anders wie in den Versen 23 und 24, wo die Verben im Aktiv stehen, und Gott derjenige ist, der handelt. Er ist derjenige, der denen im Voraus Herrlichkeit bereitet hat, die er aus den Juden und aus den Heiden berufen hat. Wir haben es hier also mit einer starken Aussage zu tun, dass die Erlösung ein Werk Gottes ist. Sie beruht einzig auf seiner göttlichen, souveränen und ewigen Entscheidung und kann nicht beeinflusst werden.
Paulus will das nun anhand des Alten Testaments beweisen und leiht sich daher in Vers 25 Worte aus Hosea und Jesaja. „Wie er auch durch Hosea spricht: ‚Ich will das mein Volk nennen, was nicht mein Volk war, und die ‚Geliebte‘, die nicht Geliebte war. Und es soll geschehen, an dem Ort, wo zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk!, da sollen sie ‚Söhne des lebendigen Gottes ‚genannt werden.‘“ Und in Vers 27 ruft Jesaja über Israel aus: „‚Wenn die Zahl der Kinder Israels wäre wie der Sand am Meer, so wird doch nur der Überrest gerettet werden; denn eine abschließende und beschleunigte Abrechnung in Gerechtigkeit wird der Herr durchführen, ja, eine summarische Abrechnung über das Land!‘ Und, wie Jesaja vorhergesagt hat: ‚Hätte der Herr der Heerscharen uns nicht einen Samen übrig bleiben lassen, so wären wir wie Sodom geworden und Gomorra gleichgemacht!‘“
Paulus leiht sich von den Propheten Hosea und Jesaja alttestamentliche Texte, die in der Zukunft sowohl den Unglauben Israels als auch die Rettung des Überrests sahen. Vers 27 ist der Schlüsselvers: „Wenn die Zahl der Kinder Israels wäre wie der Sand am Meer, so wird doch nur der Überrest gerettet werden“. Dass Gott einen Überrest rettet, erinnert an Jesaja 6, wo Jesaja eine Vision hat und Gott ihn fragt: „Wer wird für uns gehen?“ Und Jesaja sagt: „Hier bin ich, sende mich!“ Er wird mit einer glühenden Kohle gereinigt, die seine Lippen berührt. Und Gott sendet Jesaja zum Volk Juda, um den kommenden Zorn Gottes und das kommende babylonische Gericht zu verkünden. Aber gleichzeitig sagt Gott auch zu ihm: Ihre Ohren werden verstopft sein und sie werden nicht hören. Ihre Augen werden blind sein und sie werden nicht sehen. Sie werden nicht umkehren und sie werden nicht Buße tun. Die Frage, die Jesaja daraufhin stellt, würde ich auch stellen: Wie lange muss ich das machen? Wie würdest du dich bei deiner Einsetzung zum Ältesten fühlen, wenn jemand zu dir sagen würde: Jetzt bist du vorbereitet hinzugehen, aber übrigens, niemand wird auf das hören!
Was antwortest du? Auch du würdest dich fragen: Wie lange muss ich das machen? Und der Herr antwortet Jesaja im sechsten Kapitel, dass er es solange machen muss, bis alle Menschen weg sind und niemand mehr da ist, dem man es sagen könnte. Dann schließt er das Kapitel damit, dass ein Zehntel übrig bleiben wird und von diesem „bleibt ein heiliger Same als Wurzelstock!“. Das ist die Lehre vom Überrest.
So war es schon immer. Auch in den endzeitlichen Tagen in der Zukunft, wenn Israel zum Glauben an Christus kommt, wird ebenfalls nur ein Drittel der jüdischen Bevölkerung gerettet werden. Denn gemäß den Propheten des Alten Testaments werden zwei Drittel Rebellen sein. Sie werden ausgemerzt werden, während das übrige Drittel gerettet werden wird. Diese werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben und erlöst werden. Eine reinigende Quelle wird sich für sie öffnen, und sie werden das im Alten Testament verheißene Reich empfangen.
Da gibt es keinen Irrtum darüber, was Gott hier sagt. Trug Israel in dieser Angelegenheit Verantwortung? Natürlich hatten sie menschliche Verantwortung. Wir lesen in Römer 9,30: „Was wollen wir nun sagen? Dass Heiden, die nicht nach Gerechtigkeit strebten, Gerechtigkeit erlangt haben, und zwar die Gerechtigkeit aus Glauben, dass aber Israel, das nach dem Gesetz der Gerechtigkeit strebte, das Gesetz der Gerechtigkeit nicht erreicht hat.“
Da wäre man als Heide doch besser dran, denn hier zerbrechen sich all diese Juden den Kopf, um durch das Gesetz gerecht zu werden, und sie werden ausgestoßen. Dagegen werden die Heiden gerettet, die durch den Glauben danach streben. Sie erhalten die Rettung, die die Juden nicht finden können, weil sie sie durch das Gesetz und nicht durch den Glauben erreichen wollen. Die Juden tun so, als ob Errettung durch Werke erreicht werden könnte. „Denn sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht: ‚Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!‘“
Diese Aussage ist unmissverständlich. Heiden erlangen Gerechtigkeit durch den Glauben, während Israel die Gerechtigkeit nicht erlangt, weil sie es durch Werke suchen. Einerseits ist es also eine souveräne Entscheidung Gottes, wer gerettet wird. Andererseits werden Menschen verurteilt, weil sie die Rettung auf dem falschen Weg gesucht haben. Verstehst du das? Israel hat die Gerechtigkeit durch Glauben nicht erlangt, weil sie nur durch den Glauben und nicht durch das Gesetz möglich ist. Sie wird nur durch Christus bereitgestellt, und Israel hat sich an Christus gestoßen. Am kommenden Sonntagmorgen werden wir das Evangelium im 1. Korintherbrief betrachten und sehen, dass es für die Heiden eine Torheit und für die Juden ein Stein des Anstoßes war.
In Johannes 8,24 sagt Jesus: Wenn ihr glaubt, dass ich es bin, wird sich alles ändern. Wörtlich sagt er: „Wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben.“ Ihr müsst glauben. Heiden und Juden mussten glauben. Erlösung sollte immer durch den Glauben kommen, und der Glaube musste in Christus Jesus gesetzt werden. Die Juden weigerten sich, das zu tun. Sie stießen sich an Christus. Deshalb sind sie verloren. Das bedeutet jedoch nicht, dass Gottes Plan gescheitert ist. Gott hatte nie beabsichtigt, dass ganz Israel das wahre Israel wäre, sondern dass es einen Überrest geben sollte. Und wenn Gott beschließt, seine Gnade an einem Überrest zu zeigen, hat er das Recht dazu. Wenn er beschließt, sein Gericht und seinen Zorn zu zeigen und seine Heiligkeit zu zeigen, indem er Sünder verurteilt, hat er das Recht dazu. Das ist göttliche Souveränität.
Kommen wir nun zu Kapitel 10. Hier findet ein dramatischer Wechsel statt, denn jetzt ist das Thema die menschliche Verantwortung. Einen Hinweis darauf erhalten wir am Anfang von Kapitel 10, wo Paulus schreibt: „Brüder, der Wunsch meines Herzens und mein Flehen zu Gott für Israel ist, dass sie gerettet werden.“ Paulus äußert diesen Wunsch als leidenschaftliches Flehen, obwohl er gerade in Kapitel 9 über die Lehre der Souveränität geschrieben hat. Aber weil er die parallele Wahrheit der menschlichen Verantwortung versteht, lässt ihn die Lehre der Erwählung und Prädestination nicht gleichgültig werden. Das entfaltet sich in Kapitel 10 auf wunderbare Weise, wo Paulus beides einfach einander gegenüberstellt. Und es ist schockierend zu sehen, dass die beiden Wahrheiten nicht gegensätzlich, sondern parallel zueinander sind.
Worum geht es dabei? Paulus sagt in Vers 1: Ich möchte, dass sie gerettet werden. Mein Herz schreit so sehr nach ihrer Rettung, dass ich mir fast wünschen würde, verdammt zu sein, wenn sie dafür gerettet werden könnten.
In Vers 2 erklärt er, wo das Problem liegt. Er sagt nicht: Das Problem ist, dass sie nicht auserwählt sind. Sondern er sagt: „Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, dass sie Eifer für Gott haben, aber nicht nach der rechten Erkenntnis.“ Das erste Problem ist also, dass es ihnen an Erkenntnis fehlt.
Vers 3 zeigt auf, welche Erkenntnis ihnen fehlt: „weil sie die Gerechtigkeit Gottes nicht erkennen“. Das erste, was ihnen fehlt, ist demnach, dass sie ein unzureichendes Verständnis von Gott haben, insbesondere von der Gerechtigkeit, Heiligkeit und absoluten Vollkommenheit Gottes. Das ist sehr wichtig. Sie denken, Gott sei weniger gerecht als er ist. Woher wissen wir das? Weil sie danach trachten, „ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten“. Sie sehen Gott als weniger gerecht als er ist, damit sie Gottes Gerechtigkeitsanspruch eher entsprechen können. Sie glauben, dass sie die gerechte Forderung eines weniger gerechten Gottes eher erfüllen könnten. Das zeigt, dass sie sowohl eine unzureichende Erkenntnis von Gott in seiner Gerechtigkeit haben, als auch eine völlig unzureichende Erkenntnis ihrer eigenen Sündhaftigkeit. Weil sie Gott für weniger gerecht und sich selbst für gerechter halten, als sie sind, meinen sie, sie könnten ihre eigene Gerechtigkeit vor Gott durchsetzen, anstatt sich der vollkommenen Gerechtigkeit Gottes zu unterwerfen und um Gnade zu bitten.
Ihnen fehlt die Erkenntnis Gottes. Ihnen fehlt die Erkenntnis der Sünde. Und ebenso fehlt ihnen laut Vers 4 die Erkenntnis Christi. Sie verstehen nicht, dass Christus das Ende des Gesetzes ist. Er ist der Einzige, der das Gesetz erfüllt, um jeden, der glaubt, gerecht zu machen. Damit sind wir wieder bei der aktiven Gerechtigkeit Jesu Christi und seinem Charakter. Sie verstehen nicht, dass der Einzige, der das Gesetz vollkommen erfüllen kann und erfüllt hat, der Herr Jesus Christus ist. Sie verstehen nicht, dass es seine vollkommene Gerechtigkeit ist, die Gott demjenigen zurechnet, der an ihn glaubt. Sie verstehen den Charakter Gottes nicht und ebensowenig, dass sie selbst in Sünde gefallen sind. Sie verstehen die Gerechtigkeit Gottes nicht, die durch Christus kommt. Sie verstehen auch nicht, dass Errettung durch Glauben erfolgt, wie es am Ende von Vers 4 heißt: „Für jeden, der glaubt.“
Paulus geht in Vers 5 noch weiter auf dieses Thema ein. „Mose beschreibt nämlich die Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, so: ‚Der Mensch, der diese Dinge tut, wird durch sie leben‘.“ Er sagt hier: Wenn du dich an das Gesetz halten willst, dann wirst du dafür zur Rechenschaft gezogen, dass du das Gesetz perfekt hältst, und dadurch verdammt. Aber Vers 6 beschreibt dann die Gerechtigkeit aus Glauben. Das will Paulus vermitteln. „Sprich nicht in deinem Herzen: Wer wird in den Himmel hinaufsteigen? — nämlich um Christus herabzuholen — oder: Wer wird in den Abgrund hinuntersteigen? — nämlich um Christus von den Toten zu holen.“ Glaubst du, du kannst Christus aus dem Himmel herunterholen? Oder glaubst du, du kannst Christus von unten durch deine selbst erarbeitete Gerechtigkeit zu deiner Rettung heraufholen? So funktioniert das nicht. Du kannst nicht in den Himmel gehen und Christus herunterholen oder in das Reich der Toten gehen und ihn heraufholen. So spricht nur die Selbstgerechtigkeit.
Das Verdrehte an dieser Sichtweise ist, dass der Sünder Gott für weniger gerecht hält als er ist, sich selbst aber für gerechter hält als er ist. Deshalb glaubt er, dass er dazu in der Lage ist, Gott in seine Welt zu holen, damit Gott ihm Gerechtigkeit schenken kann. Das ist ein unmögliches Unterfangen. Es ist ein geistlicher Don Quijote [don kiichoote], „Der unmögliche Traum“.
In Vers 8 fragt Paulus: Was haben wir gepredigt? „‚Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen!‘“ Diese Botschaft ist nicht neu. Sie stammt aus 5. Mose 30. „Dies ist das Wort des Glaubens, das wir verkündigen. Denn wenn du mit deinem Mund Jesus als den Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“ Das hat nichts mit Souveränität zu tun, sondern es bedeutet, dass der Sünder mit seinem Mund Jesus als Herrn bekennen und in seinem Herzen glauben muss, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat. Damit folgt auf die stärkste Aussage der Heiligen Schrift in Kapitel 9 über die Lehre der absoluten göttlichen Souveränität in der Errettung, Kapitel 10. Dort sagt der Apostel, dass der Sünder gerettet werden wird, der Jesus als Herrn bekennt und in seinem Herzen glaubt, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat. Denn Gott bestätigte durch die Auferweckung Christi, dass sein Leben und sein Werk vollkommen waren. In Vers 10 geht es weiter: „Denn mit dem Herzen glaubt man, um gerecht zu werden, und mit dem Mund bekennt man, um gerettet zu werden“. Du möchtest Gerechtigkeit? Dann verstehe, dass du sie nicht selbst erreichen kannst. Du kannst sie weder von oben herunterziehen noch von unten heraufholen. Sie ist ein Geschenk Gottes an denjenigen, der glaubt.
Paulus geht sogar noch weiter. Sehen wir uns Vers 11 an. „Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!“ Das ist ein Echo auf Vers 33 im letzten Kapitel, wo es hieß: „Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!“ Das muss jeder Evangelist und jeder Christ glauben. Wir dürfen uns nicht dazu hinreißen lassen, aus dem Verständnis der Souveränität Gottes eine Art Gleichgültigkeit gegenüber Verlorenen abzuleiten. Wir sahen gestern, dass Paulus ein Mann war, dessen Herz blutete und schmerzte und weinte und der ständig in Aufruhr und Traurigkeit über den Zustand der Verlorenen war. Er sah keinen Menschen auf oberflächliche Weise. Er sah, was das Äußere betrifft, weder einen Mann noch eine Frau. Sondern er sah sie in ihrem verlorenen Zustand. Sein Herz schmerzte für sie. Er hatte die Liebe Christi erfahren und wusste, dass Christus für alle gestorben ist, die an ihn glauben werden. Deshalb wollte er ihnen diese Botschaft überbringen. Er hatte das leidenschaftliche Herz eines Evangelisten, und richtete sich an jeden: „Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!“
In Vers 14 beginnt ein sehr wichtiger Teil der Schrift. Das führt uns zum dritten Punkt, den ich euch heute Morgen zeigen möchte. Zuerst spricht Paulus über die göttliche Souveränität, dann über die menschliche Verantwortung zu glauben, und hier spricht er über den Auftrag und die Aufgabe des Evangeliums.
Sehen wir uns Vers 14 an. Sagt er: Wie sollen sie ihn anrufen, wenn sie nicht auserwählt sind? Nein, sondern: „Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne einen Verkündiger? Wie sollen sie aber verkündigen, wenn sie nicht ausgesandt werden?“ Wie schon bei Jesaja geschrieben steht: „Wie lieblich sind die Füße derer, die Frieden verkündigen, die Gutes verkündigen!“ Geht es euch nicht auch so mit dem, der euch das Evangelium gebracht hat? Wir verdienen die Anerkennung nicht. Aber trotzdem ist das Herz von dem, der erreicht wurde, voller Freude und Liebe dem gegenüber, der ihn erreicht hat.
In Vers 16 heißt es, dass nicht alle dem Evangelium gehorcht haben. Einige waren skeptisch, wie Jesaja sagt: „Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt?“ Aber Vers 17 bringt es auf den Punkt. Sie haben nicht geglaubt und keine Rettung erhalten, weil der Glaube aus dem Hören kommt und das Hören durch das Wort Christi. Hier geht es nicht nur um das akustische Hören, sondern um das Hören mit dem Herzen. Das Problem war, dass sie nicht richtig zugehört haben. Der Glaube kommt durch das Hören, das Hören durch das Wort Christi.
Damit ist die Frage nach der Aufgabe des Evangeliums für uns geklärt. Ja, wir verstehen die göttliche Souveränität. Ja, wir verstehen die menschliche Verantwortung, wie wir sie im ersten Teil von Kapitel zehn gesehen haben. Und jetzt verstehen wir die Aufgabe des Evangeliums, weil sie nicht jemanden anrufen können, an den sie nicht glauben. Und sie können nicht an jemanden glauben, den sie nicht kennen. Ohne einen Prediger können sie ihn nicht kennen. Und dieser kann nicht predigen, wenn er nicht gesandt ist. Er wird gesandt, weil der Glaube durch das Hören der Wahrheit über Christus kommt. Vers 18 sagt: „Aber ich frage: Haben sie es etwa nicht gehört? Doch, ja! ‚Ihr Schall ist ausgegangen über die ganze Erde, und ihre Worte bis ans Ende des Erdkreises.‘ Aber ich frage: Hat es Israel nicht erkannt? Schon Mose sagt: ‚Ich will euch zur Eifersucht reizen durch das, was kein Volk ist; durch ein unverständiges Volk will ich euch erzürnen‘.
Jesaja aber wagt sogar zu sagen: ‚Ich bin von denen gefunden worden, die mich nicht suchten; ich bin denen offenbar geworden, die nicht nach mir fragten‘. In Bezug auf Israel aber spricht er: ‚Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach einem ungehorsamen und widerspenstigen Volk!‘“ Hier geht es darum, dass Paulus sagt: Ihr Juden weigert euch, die Botschaft Christi zu hören, die in die ganze Welt hinausgegangen ist, aber die Heiden hören sie und glauben ihr. Ihr habt es zuerst gehört und habt es abgelehnt. Paulus stellt also unsere evangelistische Verpflichtung und unsere Verantwortung für das Evangelium genau in die Mitte dieser großen Wahrheiten über göttliche Souveränität und die menschlichen Verantwortung zu glauben.
Ich habe nicht die Zeit, Kapitel 11 durchzuarbeiten und gebe deshalb nur einen allgemeinen Überblick. In Vers 1 geht es wieder um das Thema der göttlichen Vorsehung: „Ich frage nun: Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn auch ich bin ein Israelit“. Hier kommen wir wieder zur göttlichen Souveränität zurück. Paulus zeigt auf, dass Gott während des Zeitalters der Gemeinde einzelne Juden rettet, was ein Beweis dafür ist, dass er sein Volk nicht verworfen hat. Weiter spricht Paulus: „Ich bin ein Israelit, aus dem Samen Abrahams, aus dem Stamm Benjamin. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor ersehen hat! Oder wisst ihr nicht, was die Schrift bei Elia sagt, wie er vor Gott gegen Israel auftritt und spricht: ‚Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört, und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten mir nach dem Leben!‘ Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? ‚Ich habe mir 7 000 Männer übrig bleiben lassen, die ihr Knie nicht gebeugt haben vor Baal.‘ So ist nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest vorhanden aufgrund der Gnadenwahl.“
Letztlich sehen wir Israels Unglauben, aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Und nun kommen wir zu dem vierten Punkt, und das wäre die göttliche Verheißung. Sie besagt in Kapitel 11, dass es eine zukünftige Rettung für Israel geben wird. Gemäß Vers 5 ist „ein Überrest vorhanden aufgrund der Gnadenwahl.“ Das ist eindeutig und man kommt nicht drum herum.
Paulus hat gerade Kapitel 10 damit abgeschlossen, dass er sagt, die Juden haben das Evangelium verworfen, während die erst kürzlich dazugestoßenen Heiden daran glauben. Und die Gemeinde wächst und gedeiht, während die Juden weiterhin feindselig und ablehnend sind. Deshalb muss er hier noch die Frage beantworten, was nun mit Israel weiter geschieht.
Ist das das Ende von Israel? Es gibt einige Leute, die sagen, dass jetzt die Gemeinde das Israel Gottes ist und dass es für Israel keine Zukunft gibt. Es ist zugegebenermaßen etwas schwierig zu erklären, was heute im Land Israel vor sich geht. Aber wenn Gott in Zukunft nichts weiter für die Israeliten vorhat, warum sind sie dann noch hier? Seid ihr jemals einem Hiwiter, Jebusiter, Amoriter oder Hethiter begegnet? Ich nicht. Sie sind vor Jahrtausenden miteinander verschmolzen und vermischt worden. Die Juden sind so rein wie in biblischen Zeiten und zur Zeit des Alten Testaments. Was hat Gott also mit ihnen vor?
Unsere Gemeinde wird von sehr vielen jüdischen Menschen besucht. Das ist ein Teil des heutigen Überrests, für den wir sehr dankbar sind. Aber es steht noch ein zukünftiger Tag aus, an dem noch ein Rest übrig bleiben wird, an dem das Heil zu Israel als Volk zurückkehren wird.
Geht zu Vers 11: „Ich frage nun: Sind sie denn gestrauchelt, damit sie fallen sollten? Das sei ferne! Sondern durch ihren Fall wurde das Heil den Heiden zuteil“. Durch die Verwerfung Israels wandte sich Gott den Heiden zu. Dann erklärt Paulus weiter, dass die Rettung der Heiden die Juden eifersüchtig machen soll. Diese eifersüchtigen Juden würden zurückkehren, um die Verheißungen zu erhalten, die ursprünglich ihnen gegeben wurde. Vers 15, „Wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt zur Folge hatte, was wird ihre Annahme anderes zur Folge haben als Leben aus den Toten?“ Wenn die Verwerfung Christi durch Israel dazu führte, dass das Evangelium in die ganze heidnische Welt gelangte, wie wird es dann erst sein, wenn sie Christus annehmen? Ich werde euch sagen, wie es sein wird. Das steht im Buch der Offenbarung. Zuerst werden hundertvierundvierzigtausend von ihnen Evangelisten werden, zwölftausend aus jedem Stamm. Sie werden die ganze Welt bereisen und überall das Evangelium verkünden. Und es werden so viele Menschen gerettet werden, dass es die größte Erweckungsperiode in der Geschichte der Welt sein wird. Und dann wird der Herr zurückkehren, um das versprochene Reich aufzurichten.
Das bedeutet, dass sie nur vorübergehend ausgebrochen wurden, wie es Vers 17 sagt: Die Zweige wurden vom Stamm ausgebrochen. Hingegen wurden die Heiden, die Paulus hier als wilden Ölzweig bezeichnet, eingepfropft. Zu ihnen sagt Paulus, dass sie Anteil bekommen haben „an der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaums, so überhebe dich nicht gegen die Zweige! Überhebst du dich aber, so bedenke: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich! Nun sagst du aber: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft werde. Ganz recht! Um ihres Unglaubens willen sind sie ausgebrochen worden; du aber stehst durch den Glauben. Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich! Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, könnte es sonst geschehen, dass er auch dich nicht verschont.“
Dieser Vers 22 zeigt, dass die Gemeinde traurig enden könnte. Eine falsche Gemeinde würde abgeschnitten werden. Aber ab Vers 25 wird deutlich, dass der Tag kommen wird, an dem Israel gerettet wird. „Denn ich will nicht, meine Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt bleibt, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Israel ist zum Teil Verstockung widerfahren“. Es war nur eine teilweise Verstockung, weil es einen Überrest gibt. „Bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist“. Das bedeutet, bis die Gemeinde vollständig ist. „Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: ‚Aus Zion wird der Erlöser kommen und die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden, und das ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde‘.“
Vers 29 erklärt, warum das sicher passieren wird. „Denn Gottes Gnadengaben und Berufung können ihn nicht reuen.“ Gottes Verheißungen können nicht widerrufen werden. Letztendlich wird Gott sein Volk Israel retten.
Es weist also alles auf Gottes Verheißung zurück. Und all das führt uns zurück zur Macht Gottes, und am Ende zu seiner Herrlichkeit. Als Paulus alles gesagt hat, zieht er zum Abschluss folgendes Fazit: „O welche Tiefe des Reichtums sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Gerichte, und wie unausforschlich seine Wege!“
Hast du nun verstanden, dass es unsere Fähigkeit übersteigt, das vollständig zu verstehen? Paulus fragt: „Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt“? Du glaubst doch nicht, dass du dazu fähig bist, oder? „Wer ist sein Ratgeber gewesen?“ Er hat keine Ratgeber. „Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass es ihm wieder vergolten werde?“ Er ist dir keine Erklärung für irgendetwas schuldig. „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Und alle sagen: Amen. Amen.
ENDE
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